Depression, OCD, Anxiety und Corona

Ich hatte eigentlich nie vor, wirklich über Corona zu schreiben. Doch da mir das Thema viel im Kopf umhergeht, tue ich es jetzt doch.

Für mich ist es heute Tag 50, seit ich mit StayHome begonnen habe. Und auch die Kontaktbeschränkungen laufen mittlerweile seit sechseinhalb Wochen, wenn ich mich nicht täusche (mein Zeitgefühl ist bereits völlig im Eimer). „Seit ich mit StayHome begonnen habe“ bedeutet in dem Fall nur, dass ich ab da aus meinem üblichen Rhythmus ausgebrochen bin. Was die erste auffällige Veränderung für mich hinsichtlich meiner Zwänge darstellt.
Und an diesem Punkt kommt für mich auch bereits die erste kleine Auswirkung zum Tragen.

Zwänge zu ändern, ist unglaublich schwierig. Und mein Alltag besteht zum großen Teil aus Zwängen. Aus zwangsartigen Routinen. Eine davon war, an vier festen Tagen in der Woche rauszugehen, meist einen kleinen Einkauf zu machen und an den anderen Tagen zu Haus zu bleiben. Nun gehe ich durchschnittlich höchstens einmal die Woche raus.
Diese Veränderung durchzuführen, war sogar relativ leicht. Was mich nicht gewundert hat. Veränderungen, die von außen herbeigeführt werden, fallen zumindest mir einfacher (ich kann nicht für andere Menschen mit Zwängen sprechen, das gilt für alles, was ich in diesem Beitrag schreibe). Gerade wenn es sich um eine Situation wie die derzeitige handelt.

Allerdings spüre ich bereits jetzt – wo wir noch am Anfang der Pandemie stehen -, dass sich die Auswirkungen für mich später negativ zeigen werden. Ich erlebe das im Grunde bereits jetzt. Und da meine Zwänge eben oft Routinen sind, zu einer Normalität werden, ist es hinterher auch nicht so, dass ich einfach wieder auf das Davor zurückgehen kann. Das heißt in dem Fall, dass ich auch hinterher so selten rausgehen werde. Alles andere wird extrem harte Arbeit werden. So wie jedes Aufbrechen von Zwängen, ohne äußere Notwendigkeit.
Während ich schon Stimmen gelesen habe, was andere tun werden, wenn wir uns wieder sorgenfrei draußen bewegen können, weiß ich jetzt schon, dass bei mir alles schlimmer als vorher sein wird. Ich werde nicht ausgiebig shoppen gehen, mich nicht mit Freunden treffen und sie endlich wieder umarmen. Ich werde weiter so zurückgezogen leben wie jetzt. Und es hat nichts damit zu tun, dass ich „den Teufel an die Wand male“ oder mir das jetzt schon einrede und dann natürlich so ende. Es ist ein Erfahrungswert. Eine Beobachtung aus den vielen Jahren mit Zwängen.

Es fällt mir jetzt schon schwer, rauszugehen. Ich schiebe die Male, an denen ich einkaufen muss, meist so weit ich kann nach hinten. Ich koordiniere sie teils in Hinblick auf andere Termine, die bei mir glücklicherweise derzeit selten sind. Aber wenn ich zu einem muss, dann kombiniere ich ihn mit einem Einkauf, um so selten wie möglich rauszugehen. Einerseits eben, weil ich es in der momentanen Pandemie-Situation für sinnvoll halte (was auch an meinem Wohnumfeld liegt, darauf komme ich gleich noch mal zurück). Andererseits aber auch, weil ich mich hier sicherer fühle. Nicht nur sicher vor Ansteckung, die sehe ich für mich nicht so unglaublich groß, weil ich zumindest von meiner Seite aus die Maßnahmen einhalte, nur mit Maske rausgehe, immer Abstand suche (das habe ich aber schon vorher getan). Es hängt auch damit zusammen, dass ich mich vorher schon zu Haus am sichersten gefühlt habe und die derzeitige Situation verstärkt das nunmal.

Ich wohne in einem sehr großen Haus. Es gibt hier ungefähr 150 Wohnungen. Zwei Aufzüge, ein Treppenhaus, das aber von den Etagen abgegrenzt ist, weswegen ich es nicht gern betrete.
Dieses Haus zu verlassen oder zu betreten, birgt ein größeres Kontaktrisiko als ein Spaziergang.
Im Schaukasten und neben den Bedienelementen der Aufzüge unten hängen Zettel, dass wir Mieter:innen auf den Abstand achten sollen. Der eine Aufzug ist für 13 Personen/1.000 kg zugelassen, der andere für 6 Personen/500 kg. Letzterer ist so der Standard, den ich aus Plattenbauten kenne. Darin können sich derzeit nur Personen aus einem Haushalt aufhalten, denn ein Abstand von 1,5 m ist nicht möglich. Der andere dürfte das zulassen, wenn eine Person bis ganz hinten durchtritt, die andere direkt hinter der Tür stehen bleibt. Das macht es dort also bis zu maximal vier Personen aus zwei Haushalten möglich, wenn diese jeweils vorn und hinten direkt nebeneinander stehen. Dementsprechend schnell kann es zu größeren Wartezeiten kommen (ich hoffe jedes Mal, dass der Aufzug leer ist, wenn er ankommt). Allerdings hält sich nicht jede:r daran.
Ich hatte es gerade bei meinem letzten Einkauf, dass ich bereits in dem kleinen Aufzug stand. Er hielt, davor eine Person. Es gab keine Maske und die Person wollte einsteigen. In mir wallte ganz kurz Panik auf (es fällt mir schwer, Menschen anzusprechen und ihnen dann auch noch eine Abfuhr zu erteilen, umso mehr), doch dann sagte ich nur sehr direkt: „Sie können hier nicht rein.“ Die Person trat zurück, hatte aber eindeutig Verärgerung im Gesicht stehen. Dieses Beispiel zeigt mir, dass es vielen Menschen egal ist. Und solche Konfrontationen sind nicht nur etwas, das derzeit eben gehäuft auftreten kann, vor allem, je öfter ich rausgehe, sondern für mich auch Stress. Es ist mir bislang nur einmal passiert (ich war in der ganzen Zeit acht Mal draußen[1], einmal davon kurz nacheinander, weil ein Teil meines Einkaufs verdorben war und ich den nicht einfach ersetzen konnte), aber ich denke eben auch, dass es daran liegt, dass ich überwiegend hier bin.

Das ist die eine Auswirkung.
Eine weitere wird sein, dass die derzeitigen Abstände verschwinden werden. Sie lassen ja jetzt bereits nach, seit die Maskenpflicht eingeführt worden ist (die meiner Ansicht nach sehr locker von vielen angewendet wird). Aber zumindest an Kassen habe ich bislang positive Erfahrungen beim Einhalten der Markierungen gemacht. Und dies ist ein Punkt, den ich derzeit genieße.
Wenn da keine Streifen mehr auf dem Boden kleben, werden die Menschen wieder an mir kleben. Das hat mich zuvor schon gestört. Das hat mich zuvor gelegentlich nahe einer Panik gebracht. Und nach all dem Abstand jetzt, der eine wundervolle Ruhepause auf dieser Ebene für mich ist, wird das umso schlimmer sein. Und auch das lässt mich wiederum bevorzugt hier bleiben.

Ansonsten erledige ich alle Wege zu Fuß.
Wenn ich nicht weiter von meiner Wohnung weg muss (ich hatte vor einiger Zeit einen Termin, zu dem ich eine Stunde pro Richtung mit den Öffentlichen unterwegs war), laufe ich alle Strecken. Ich kaufe deswegen nicht nur in der direkten Umgebung ein, ich laufe auch 3 – 4 km zum Supermarkt und anschließend mit dem Einkauf zurück. Das ist anstrengend, allein, weil meine Einkäufe jetzt größer sind, wo ich nur noch einmal pro Woche einkaufe, aber es erspart mir die Nutzung der Öffentlichen Verkehrsmittel.

Und dann sind da die Sozialen Medien.
Im Grunde bin ich in meiner Blase recht gut geschützt. Ich umgebe mich mit Menschen, die die Situation mit Sinn und Verstand behandeln.
Aber natürlich bekomme ich auch anderes mit. Teils auch bewusst, indem ich durch Twitter-Trends etc. schaue. Ich glaube nicht, dass mir das schadet, weil ich mich durchaus auch abgrenze. Aber mir das anzuschauen, zeigt mir eben auch ein Stück mehr, was außerhalb meiner Blase so geschieht. Wie Menschen die gefassten Beschlüsse zu Lockerungen erleben (Stichwort: Schulöffnungen).

Es macht mir Sorge zu sehen, wie sich das derzeit alles entwickelt. Das ändert selbstverständlich nichts daran, wie andere Menschen damit umgehen. Ob sie die Maßnahmen für überzogen, für zu gering oder für passend halten. Ob sie sich daran halten oder nicht.
Dennoch sind da eben viele sorgenvolle Gedanken.

Die der Depression, die seit mittlerweile zwei Monaten durchgängig da ist, eben auch immer neues Futter geben. Und da ist eben nichts mit „einfach mal die Gedanken abstellen“. Das ist ohnehin ein so lapidar dahingeworfener Satz, der jeglicher Realität widerspricht. Doch unabhängig davon hilft es mir ja auch nichts, mich komplett vom Geschehen um mich herum abzugrenzen.
Selbstverständlich beobachte ich es, denn diese Änderungen gehen uns alle an. Wenn sie schiefgehen, werden sie sich negativ auf uns auswirken. Tritt das nicht ein … okay, das wäre wünschenswert.

„Geh doch mal mehr raus“ heißt es dann immer, gerade bei Depression.
Nein, das ist nichts, was mir derzeit helfen würde. Im Augenblick würde das alles nur verstärken, weil es eben mit zusätzlichem Stress für mich verbunden wäre.
Deswegen bleibt mir derzeit nichts anderes übrig, als auszuharren und abzuwarten. Genau etwas, das mit der Angststörung erneut schwierig ist. Angststörung – Ängste allgemein – gehen immer mit dem Bedürfnis nach Kontrolle einher. Aber derzeit ist so absolut nichts kontrollierbar. Nichts lässt sich absehen, es kann sich jederzeit alles ändern. Und das erhöht den Stress erneut.
Auch hier gilt für mich, ich versuche nicht allzu sehr darüber nachzudenken, was denn nicht alles kommen könnte, sofern ich es nicht muss. Ich denke nicht darüber nach, ob im Sommer nicht dies oder das oder jenes möglich sein wird, weil nichts planbar ist. Dennoch ist eben das Wissen über die absolute Ungewissheit da und das allein ist ausreichend, um weitere Unsicherheit zu schüren.

Wie geht ihr damit um?
Haben sich Erkrankungen bei euch durch die Situation verstärkt?
Oder ist euch das alles völlig egal?

Bis denne ☆

[1]
Als kleiner Vergleich, nach meinem üblichen Schema wären das inklusive heute (Donnerstag) achtundzwanzig Mal gewesen, Ostern ist mit berücksichtigt.

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