Deadname und neue Pronomen

Vor gut einem Jahr ist mir bewusst geworden, dass ich nicht-binär bin. Ungefähr ein halbes Jahr später habe ich euch von meinem seit langem gewählten Namen und dem daraus resultierten Pronomen erzählt.

Heute sieht die Welt für mich ein bisschen anders aus.

Der Name hat sich nicht geändert. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das je eintreten wird.
Was sich für mich anders anfühlt, ist meine Beziehung zu meinem bürgerlichen Namen.

Den Vornamen mochte ich nie wirklich. An meine Kindheit kann ich mich diesbezüglich nicht erinnern, weder positiv noch negativ. Es gab eine Phase, in der er sich gut abändern ließ, wo er mir durchaus willkommen war, aber kaum, dass diese endete, hatte ich viele Jahre zu tun, von dieser Abänderung – diesem Spitznamen – loszukommen. Und sehr ähnlich fühlt sich das jetzt auch an. Nicht so sehr, ihn loszuwerden, zumindest nicht im Internet, weil die Menschen, die mich umgeben, überwiegend respektvoll genug sind, darauf zu achten. Darüber hinaus habe ich das Thema noch nirgends angesprochen. Abgesehen von den Leuten, die mich ohnehin schon lange unter diesem selbstgewählten Namen kennen und ihn daher intuitiver verwenden als meinen bürgerlichen Vornamen.

Der Nachname war für mich den Großteil meines Lebens der erträglichere (mal davon abgesehen, dass ich viereinhalb Jahre lang noch einen anderen hatte, da ich ein uneheliches Kind war und die Hochzeit erst später kam). Allerdings gab es Menschen, die mich mit Spitznamen des Nachnamens aufzuziehen versucht haben. Sie sind gescheitert.
Wie dem auch sei, der Name stellt trotz allem Verbindungen dar, mit denen ich nicht ständig konfrontiert werden möchte. Da ist die Familienproblematik, wobei ich diese nicht vordergründig sehe. Aber der Name – eigentlich mein voller bürgerlicher Name – steht eben für die Person, die noch immer in meinem Ausweis steht, die in einem weiblichen Körper auf die Welt gekommen ist und weiblich gelesen wird.

Letztes Jahr war das okay, es war okay, wenn ich mit dem Namen angesprochen wurde, wobei ich Kuro eindeutig bevorzuge und es hat mich auch nicht gestört, hier oder da über diesen Namen zu stolpern.
Mittlerweile stört es mich jedes Mal. Ich will ihn nicht lesen, will ihn nicht hören, nichts.

Ihn im Ausweis einfach mal ändern zu lassen, geht nicht, soweit ich weiß.
Das akzeptiere ich für den Augenblick.
Aber online geht es eben durchaus anders.

Als Resultat habe ich mittlerweile alle Beiträge von meinem alten Blog gelöscht, der im nächsten Jahr ohnehin gelöscht wird. Ausschließlich die Ankündigung zu diesem Blog hier habe ich stehen lassen.
Ebenso habe ich alle alten Bilder, die bereits dort gepostet waren, mit Kuro versehen, alle Beiträge, in denen der Name erwähnt war, umgeschrieben, alle Verlinkungen zum alten Blog durch welche auf diesem hier ersetzt (letzteres war ohnehin sinnvoll).
Je weniger mein bürgerlicher Name – für mich fühlt er sich wie ein Deadname an – zu sehen ist, desto weniger kann er verwendet werden. Desto weniger muss ich ihn sehen.

Dies ist der eine Teil.

Der andere ist das Pronomen.

Wenn mir eines aufgefallen ist, dann, dass sich viele damit schwertun.
Es gibt ein paar Pronomen, die gängiger sind, darunter fiel meines aber nicht. Ich habe es ganz genau ein Mal in Verwendung gesehen.
Die Entscheidung K zu verwenden, hing damals ja damit zusammen, dass ich mich mit den mir bekannten Varianten hier nicht anfreunden konnte, weder den deutschsprachigen wie sier oder xier (kann ich bis heute nicht, sie sind mir weiterhin zu nahe am binären sie und er), noch mit anderen, die ich gefunden habe und ebenfalls nicht mit dem englischsprachigen they/them.

Vor wenigen Wochen (oder nur Tagen? mein Zeitgefühl ist im Eimer) kam mir der Gedanke an die Anlehnung an die englischsprachigen, aber in eher deutschsprachiger Schreibweise (so man das so nennen kann).
Sey/sem.
Weich gesprochenes S, wie im Deutschen üblich.
Doch zugleich hatte ich Zweifel, ob das geht. Spricht da vielleicht etwas völlig dagegen? Ich habe keinerlei sprachwissenschaftlichen Hintergrund, ich habe das nicht auf einer Liste gesehen und war daher unsicher. Aber sie gefielen mir. They/them sind sehr bekannt, der Umgang damit für viele – zumindest aus der Bubble – bereits vertraut.
Ich habe eine Weile mit mir gerungen, mich jetzt aber dafür entschieden.

Die Nutzung ist recht simpel, ähnlich wie in englischsprachigen Sätzen, zusätzlich kann auch seir bzw. seirs zum Einsatz kommen.

Ash formuliert es wie folgt für they/them:

Also: „They mag Katzen.“, „Katzen mögen them,“ „Die Katze hat their Hemd kaputt gemacht“, „Der Teller ist theirs.“ und so weiter.

(schaut mal in dem Beitrag vorbei, der ist allgemein interessant und zählte letztes Jahr schon zu den Seiten, die ich verschlungen habe)

Übertragen auf sey/sem sähe das dann so aus:
Sey mag Katzen.
Katzen mögen sem.
Die Katze hat seir Hemd kaputt gemacht.
Der Teller ist seirs.

Die Aussprache ist wie bei den englischsprachigen Wörtern, nur ohne „th“, sondern weichem „s“.

Auch hier habe ich mittlerweile alles geändert (so ich nichts übersehen habe). Soziale Medienplattformen wie Twitter und Instagram, aber auch Foren, wo ich das im Profil eingetragen habe.
Ebenfalls habe ich mich dafür entschieden in Gesprächen auf Englisch zum recht gängigen they/them überzugehen. Dort hat es mich auch nie gestört, weil das ja ohnehin Wörter dieser Sprache sind, nur im Deutschen konnte ich mich für mich nicht damit anfreunden. Jetzt ist es halt ähnlich, wenn auch nicht exakt dasselbe.

Benutzt ihr für euch Neopronomen?
Habt ihr es auch schon mal gewechselt?
Kommt ihr gut damit zurecht, für andere Menschen Neopronomen zu verwenden anstelle binärer Pronomen?

Bis denne ☆

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