Hochsensibilität

Dass ich hochsensibel bin, weiß ich … kann ich gar nicht genau sagen.
Ende 2018 bin ich über dieses Video von Ella TheBee gestolpert (naja, ich folge ihr, aber ich hatte nicht mit der Thematik gerechnet gehabt).
„Ja, klar, Hochsensibilität, kennst du ja. Menschen, die schnell von zu vielen visuellen und/oder akustischen Eindrücken überfordert sind. Hast du so gar nichts mit zu tun. Sonst würdest du es in der Großstadt wohl nicht aushalten und da willst du auf keinen Fall weg.“
Das waren in etwa meine Gedanken gewesen, bevor das Video begann.
Nur um dann zu lernen, dass da viel mehr hintersteckt.

Was ist denn eigentlich Hochsensibilität?

Hochsensibilität ist ein umgangssprachlicher Begriff, mit dem das Temperamentsmerkmal höherer sensorischer Verarbeitungssensitivität (englisch: sensory-processing sensitivity) bezeichnet wird. Die basale Forschungstätigkeit zu dem als Persönlichkeitsdisposition verstandenen psychophysiologischen Konstrukt der Hochsensibilität stammt von dem US-amerikanischen Psychologenehepaar Aron (1997). Nach ihrer „Vorstellung bedeutet Hochsensibilität sowohl eine hohe Sensitivität für subtile Reize als auch eine leichte Übererregbarkeit“. Hochsensibilität bezeichnet als Eigenschaft ein Konzept zur Erklärung der zwischen Individuen unterschiedlichen psychologischen und neurophysiologischen Verarbeitung von Reizen.

(Wikipedia)

Doch zurück zum Video.
Die erste Erkenntnis kam mit der Erwähnung des Geschmackssinns.
Ich kann mich nicht erinnern, dass es bei mir je anders war, als dass ich gesagt habe, dies oder das schmeckt mir nur von diesem Hersteller, alles andere nicht. Andere Menschen in meinem Umfeld waren dagegen der Meinung, es schmeckt doch alles gleich. Das ist bis heute so. In vielen Fällen mag ich dieses Produkt nur von diesem Hersteller und jenes nur von einem anderen. Weswegen ich immer wieder damit konfrontiert bin, Alternativen zu finden, wenn diese Produkte verändert oder vom Markt genommen werden. Oder ganz darauf verzichten muss. Beispielsweise ist Kitkat letztes Jahr umgestellt worden. Auf der Verpackung steht seitdem „100 % sustainably sourced cocoa“. Das ist eine gute Sache, den Aspekt will ich nicht kritisieren. Aber die Riegel schmecken seitdem anders. Das ist mir sofort aufgefallen. Ich habe die restlichen also erstmal liegen lassen, eine Weile etwas anderes genascht und nach einiger Zeit noch einmal davon probiert. Leider hat sich mein Eindruck nicht verändert gehabt. Ich hatte gehofft, dass mir der Abstand vom alten Geschmack helfen würde, aber nein.

Dann wurde in dem Video der Tastsinn angesprochen und ich dachte, ja, da bist du auch empfindlich. Ich spüre die winzigsten Krümel oder knotigen Fussel, wenn ich im Bett liege und die müssen raus, das stört mich extrem. Wenn der Pulloverärmel beim Anziehen hochrutscht, ist in mir immer noch die kindliche Reaktion da, zu heulen und das am liebsten abzuschütteln. Ich weiß natürlich, dass das nichts bringt und mache es auch nicht, aber impulsiv will sich dieses Verhalten auch heute noch nach außen stehlen, denn es fühlt sich extrem unangenehm und störend an. Und ich kenne das von anderen nicht.
Ebenso mag ich meist Kleidung aus Wolle nicht. Egal wie weich sie sich in meinen Händen noch anfühlt, auf der restlichen Haut kratzt fast alles davon.
Außerdem ertrage ich Berührungen nicht lange. Ein paar Mal auf derselben Stelle, aber danach ist die Berührung nur noch unangenehm.

Aufgrunddessen habe ich mir eines der Bücher, die im Video empfohlen worden sind besorgt und in Etappen gelesen. Für mich war das extrem aufwühlend, weil es auch noch andere Bereiche in meinem Leben angesprochen hat (frühkindliche Entwicklung, Angstverhalten etc.). Aber je weiter ich vorankam, bin ich sicher geworden, hochsensibel zu sein.

Ob es nun daran liegt (was ich weniger glaube) oder nicht, weiß ich nicht, aber ich kann sagen, dass sich das mittlerweile auch immer mehr zeigt.
Dazu habe ich im Laufe der Zeit von einer Bekannten die Aussage bekommen, dass das durchaus möglich ist. Ich bin ja unter einem Menschen aufgewachsen, der zumindest starke narzisstische Tendenzen hat und es kann sein, dass ich dadurch von Anfang an gelernt habe, meine Bedürfnisse zurückzustellen. Und damit eben auch die Hochsensibilität. Seit ich mich von diesem Menschen distanziere bzw. mittlerweile komplett den Kontakt abgebrochen habe, hat dieser Teil von mir die Möglichkeit, sich zu zeigen.
Es ist nicht sicher, ob das zutrifft, aber zumindest ist es ein Ansatz, der für mich sehr logisch klingt.

Ich bin mittlerweile tatsächlich weit geräuschempfindlicher.
Ich brauche eine gewisse Kulisse, Motorenlärm von ständig vorbeifahrenden Autos gehört für mich einfach dazu, aber ich habe auch mein ganzes Leben in einer Großstadt verbracht. Die absolute Ruhe ländlicher Gegenden ist für mich dagegen unerträglich.

Ebenso überlege ich derzeit, ob meine Lichtempfindlichkeit ein Teil dessen ist.
Ich vertrage ja keinerlei Tageslicht, Sonnenlicht ist noch schlimmer. Darauf reagiere ich mit Migräne und trage draußen deswegen immer eine dunkle, große Sonnenbrille, die an den Ecken gebogen ist, damit auch dort kein Licht einfallen kann. Dieses Jahr ist die Empfindlichkeit stärker als bislang (was zu dem oben angesprochenen Punkt passen würde). Ich brauche zusätzlich ein Cap, das jegliches Licht, das oben über dem Brillenrand einfallen könnte, abschirmt. Was in der jetzigen Situation mit Maske quasi nichts von meinem Gesicht übrig lässt. Bis letzten Sommer konnte ich zumindest auf das Cap verzichten.

Geruchsempfindlich bin ich schon länger. Und möglicherweise hängt meine Aversion gegen Aromatherapie auch damit zusammen.
Manches kann ich kurzzeitig ertragen (ich mag den Geruch von Kaffeepulver, auch wenn ich keinen Kaffee trinke, genauso den einer frisch geöffneten Zigarettenschachtel, das mochte ich schon als Kind), aber ich darf nur ein paar Mal dran schnuppern, danach wird es unangenehm (also ähnlich wie beim Tastsinn und Berührungen).
Ebenso bin ich sehr empfindlich, was Brandgerüche betrifft, da reichen ganz leichte Spuren (hier im Haus wird nachts die Lüftung in den Schächten in Bad und Küche abgestellt und wenn dann jemand kocht und zu scharf anbrät, riecht das auch erstmal verkohlt und hat mir schon mehr als einmal einen gehörigen Schreck verpasst).

Oftmals ist das Problem dann gar nicht, die einzelne Wahrnehmung.
Schwierig ist es hier teilweise, dass andere Menschen nichts auf Rücksicht geben. Das ist ein Teil.
Das größere Problem ist dann vor allem die Summe.
In dem erwähnten Buch („Sind Sie hochsensibel?“ von Elaine N. Aron) wird von Übererregung gesprochen.
Und diese ist wirklich anstrengend.
Gegen die Geräusche könnte ich mich theoretisch mit Noise-Cancelling-Kopfhörern schützen. Das Problem ist dann aber auch, dass ich nichts mitbekomme. Wenn es an der Tür klingelt, höre ich es nicht. Das bedeutet einerseits keine Lieferungen, andererseits aber eben auch keinen Notfall. Deswegen ist das für mich keine Option. Ich höre zwar durchaus Musik mit Kopfhörern, aber eben nur normale statt solcher, die komplett ausblenden. Was dann äußere Reize teils trotzdem durchlässt.
Außerdem ist manchmal auch die Musik zuviel Reiz. Glücklicherweise nicht immer, aber es gibt Tage, da funktioniert Musik nicht, an anderen brauche ich sie auch ohne störende Geräusche.

Ich sehe meine Hochsensibilität nicht als Superkraft und ebenfalls nicht als Fluch. Aber so wie sie manchmal von Vorteil ist, hat sie ihre Nachteile. Ich versuche mich damit zu arrangieren, mir die Auszeiten einzuplanen, die ich nach bestimmten Situationen brauche, doch manchmal ist das einfach nicht möglich.
Übrigens neige ich zu einer Mischung aus Emotionalität und Aggression, wenn ich reizüberflutet bin. Das schwankt von Sekunde zu Sekunde. In der einen bin ich ein kleines Häufchen Elend, in der nächsten fluche ich wütend vor mich hin.
Seit ich über meine Hochsensibilität Bescheid weiß, fühlt es sich trotzdem ein bisschen einfacher an. Nicht in den Momenten, in denen ich im Gegensatz zu früher reizüberflutet bin, doch zugleich ist eben das Wissen, warum dem so ist, warum ich in dem Augenblick so reagiere, mich so und so fühle, wiederum auch hilfreich. Ich bin eben nicht einfach überempfindlich und übertreibe. Bevor ich um meine Hochsensibilität wusste, habe ich mich manchmal selbst gefragt, warum ich so heftig reagiere, heute weiß ich es.

Seid ihr auch hochsensibel?
Wenn ja, wie geht ihr damit um?
Oder habt ihr hochsensible Menschen in eurem Umfeld?

Bis denne ☆

Zeitabfolgeplanung mittels Wordtabellen

Dies ist ein Artikel, den ich bereits 2018 im Schreibmeer veröffentlicht hatte.

Eine Geschichte muss spannend sein. Eine Geschichte muss Figuren haben, zu denen di:er Leser:in eine Verbindung hat, die plastisch sind. Und eine Geschichte muss in sich logisch sein. Das gilt auch für die zeitliche Abfolge von Ereignissen.

Di:er Protagonist:in wird im Kampf angeschossen. Schon kurz darauf springt si:er putzmunter und ohne körperliche Einschränkungen durch die Gegend. Für mich ist das der Augenblick, in dem ich überlege, das Lesen der Geschichte abzubrechen, denn es ist für mich absolut unlogisch, wenn di:er Autor:in nicht eine gute Erklärung dafür liefert. Dabei ist es egal, ob di:er Protagonist:in nun in einer Fantasywelt lebt, in der es Heilmittel oder Zauberkräfte gibt, die ihr:ihm nützlich sind, oder die Heilung normal schnell vonstattenging, es aber einen Zeitsprung gab. In beiden Fällen muss das der:dem Leser:in vermittelt werden.

Um den Überblick darüber zu behalten, habe ich irgendwann angefangen, mir einen Kalender zu basteln. Da ich bevorzugt in Word arbeite, habe ich auch dort die Tabellenfunktion genutzt und tue das bis heute.
Ich öffne ein neues Worddokument, stelle es ins Querformat – mit recht geringem Seitenabstand außer oben (um es bei Bedarf auch abheften zu können) – und ebenfalls mit etwas kleinerer Schrift ein. Danach folgt klassisch oben links der Monat und das Jahr (gerade bei Geschichten, die sich über ein Kalenderjahr strecken, bietet sich die Jahresangabe an). Anschließend füge ich eine Tabelle mit sieben Spalten ein. In die Spaltenköpfe kommen die Wochentage und gleich in der Zeile darunter geht es mit den Tagesdaten los[1]. Dafür hilft ein Blick in den Kalender des PCs, um den Anfang zu finden. Die Zeile bis zum Ende füllen. In der darauf folgenden Zeile[2] einfach nur durchspringen, danach folgt die nächste Zeile mit Daten für die nächste Kalenderwoche und immer so weiter, bis der Monat voll ist. Nun schalte ich unter der Tabelle einen Absatz und setze anschließend einen manuellen Seitenumbruch[3]. Damit bin ich auf der folgenden Seite und kann den nächsten Monat auf dieselbe Weise anlegen.
Wenn ich viele Monate brauche, erstelle ich erstmal nur den ersten und gebe feste Zeilenhöhen für die leeren Zeilen ein[4]. Die exakte Höhe muss man ein bisschen ausprobieren, am besten an einem Monat, der insgesamt sechs Wochen anzeigt (wenn beispielsweise der 1. auf einen Sonntag und somit der 30. auf einen Montag fällt, damit kommt man auf sechs Kalenderwochen, die der Monat berührt). Mehr Wochen braucht man in keinem Fall in einem Monat. Dann kann man die Tabelle im Anschluss auch kopieren und muss nur die Tagesdaten den folgenden Monaten anpassen, aber nicht mehr die Zeilenhöhe.

In die leeren Zeilen trage ich während des Plotprozesses die wichtigsten Ereignisse kurz ein. Daran lässt sich dann auch ein logischer Abstand für Heilungsprozesse, Reisedauern etc. einhalten und vor allem visualisieren.


(zum Vergrößern das Bild anklicken)

Eine weitere Variante habe ich für ein anderes Projekt genutzt. Dabei brauchte ich einen Zeitraum von einem Monat, wobei ich in einem startete und im nächsten endete. Hier war für mich wichtiger, meine drei Perspektivfiguren, die sich erst im Laufe der Geschichte begegnen, jeden für sich im Überblick behalten zu können. Deswegen hatte ich hier eine andere Tabelle.

Sie bestand aus nur vier Spalten, die erste für die Daten, die anderen drei für die Figuren. Und ab dem Zeitpunkt als die Figuren aufeinandergetroffen sind, habe ich die drei Spalten verbunden, da sie die Ereignisse gemeinsam erlebt haben. So konnte ich sicherstellen, dass vor allem im Vorfeld alles stimmig für jede einzelne Figur war und sie zum richtigen Zeitpunkt das erlebt haben, was nötig war, um die gemeinsame Reise zu beginnen.


(zum Vergrößern das Bild anklicken)

Selbstverständlich sind dies nur zwei Möglichkeiten, den Schreibprozess chronologisch zu organisieren. Es gibt weit mehr und jede:r muss ihren:seinen eigenen Weg finden, mit dem si:er das Chaos löst. Ich finde diese Tabellen ungemein nützlich und wichtig und hoffe, dass sie der:dem einen oder anderen von euch ebenfalls helfen können.

[1] die Tabulatortaste links vom Q springt immer eine Zelle nach rechts weiter, zurück kommt man, wenn man Shift + Tabulatortaste drückt
[2] auch für die neue Zeile hilft die Tabulatortaste, am Ende der vorigen Zeile einfach einmal darauf gedrückt, hängt sich eine neue Zeile an und der Cursor startet in der ersten Zelle dieser neuen Zeile
[3] Strg + Enter
[4] Zeile markieren, Rechtsklick, Tabelleneigenschaften, Reiter: Zeile, Höhe definieren: Häkchen setzen, Zeilenhöhe eingeben

Nutzt ihr Tabellen zur Übersicht?
Welches Tool/Programm verwendet ihr?
Habt ihr einen ganz anderen Weg für euch gefunden?

Bis denne ☆

Warum Triggerwarnungen Eigenverantwortung durch Betroffene bedeuten

TW: Erwähnung von Emetophobie, Traumata, Panikattacken, Tod

Ich habe bereits im letzten Jahr über Triggerwarnungen geschrieben.
Mit der aktuell entbrandeten Diskussion möchte ich noch auf ein paar Aspekte eingehen, die damals untergegangen sind.

In den vergangenen Monaten habe ich Diskussionen, Austausche, Artikel etc. zum Thema mitverfolgt.
Und eines ist mir sehr negativ aufgefallen: Gegen Triggerwarnungen wird gern im Zusammenhang mit folgender Aussage argumentiert: Die Betroffenen sollen Verantwortung übernehmen. Sie sollen nicht aufgrund der Warnung in Vermeidungsverhalten verfallen, sondern ihr Trauma/ihre Phobie aufarbeiten.

Den grundlegenden Gedanken dahinter finde ich auch vollkommen richtig. Von Verdrängung lassen sich diese Dinge nicht aufhalten und erst recht nicht bewältigen.

Dennoch ist die Realität ein bisschen anders als diese simple Theorie.

Therapieplätze sind in Deutschland rar gesät. Um einen zu bekommen, steht man teils monate- und jahrelang auf Wartelisten. Und man muss dafür auch erst einmal die Kapazitäten haben, sich diesem Prozess auszusetzen (ich scheitere nach wie vor daran, überhaupt die Telefonliste abzuklappern, wobei bei mir auch noch Negativerfahrungen mit der letzten Therapeutin reinspielen, da kommen zwei Hürden zusammen, die ich überhaupt erstmal überwinden muss).
Hat man einen solchen Platz, muss die Therapie funktionieren. Das liegt an der betroffenen Person selbst (und die Faktoren fürs Schiefgehen sind vielfältig) und ebenfalls der Fachperson, die ihr gegenübersitzt. Hinzu kommt, dass so eine Aufarbeitung je nach Problematik (die nicht immer nur eindimensional mit einer einzigen Angst einhergeht, sondern oft sehr komplex sein kann und erst einmal erkannt werden muss) sehr lange dauern kann. Nun sind nicht nur die Therapieplätze rar, sie sind auch noch zeitlich begrenzt. Es gibt die Option, über das übliche Kontingent hinaus eine Verlängerung zu beantragen, ob das bewilligt wird, hängt von den Krankenkassen ab. Aber das ist nicht endlos. Ist bis zum Ende der Therapie die Aufarbeitung nicht abgeschlossen, hat man vielleicht etwas mehr Stabilität, aber die Gefahr von Rückfällen ist eben auch weiterhin da, weil der Heilungsprozess nicht abgeschlossen ist.

Bis dahin sind Betroffene eben darauf angewiesen, ausweichen zu können, um sich und ihren Heilungsprozess zu schützen.

Des Weiteren ist es natürlich richtig, dass Triggerwarnungen ein sehr komplexes Thema sind. Was sollte aufgeführt werden, was ist nicht nötig?
Letzteres gibt es vermutlich nie, denn irgendeinen Menschen, der das Buch vielleicht in der Hand halten könnte und eine Warnung brauchen könnte, die sonst niemand benötigt, wird es wohl immer geben. Dass darauf nicht so explizit Rücksicht genommen werden kann, ist verständlich.
Aber es gibt neben Traumata eben Phobien, die nicht selten sind. Die ebenfalls zu Panikattacken führen können. Und je nach Genre (oder auch nicht) sind diese genauso wichtig wie Traumata.
Der Hinweis auf entsprechende Themen im Buch bedeutet nicht immer, diesen auszuweichen. Aber die Option sich darauf einzustellen, bedeutet Eigenverantwortung Betroffener. Diese können sie aber nur übernehmen, wenn sie entsprechende Warnungen an die Hand bekommen. Mir geht es oft so – in diesem Beispiel bei Tweets -, dass ich unbedarft auf Themen stoße, die sofort Bilder in mir heraufbeschwören, meinen Herzschlag nach oben treiben und mich fluchtartig weiterscrollen lassen. Das ist manchmal nur ein ungutes Gefühl, manchmal ist es aber auch schon Angst, hält sich dann noch eine Weile. Die Bilder ebenfalls und ich muss sie mit viel Mühe von mir schieben. Sind solche Tweets mit Triggerwarnungen versehen, habe ich die Möglichkeit zu entscheiden, ob ich mich gerade in der Lage fühle, mich damit auseinanderzusetzen oder nicht. Manche Themen gehen vorläufig trotzdem nicht, weil die Aufarbeitung fehlt. Andere funktionieren vielleicht nicht jetzt sofort, weil ich schon zu angespannt bin, aber in ein paar Stunden sieht es anders aus. Und manchmal bin ich in dem Augenblick bei denselben Themen auch sofort fähig, mich ihnen zu stellen. Da ich mich durch die Triggerwarnung auf das, was ich kurz darauf lese, einstellen kann, kann ich Schutzmechanismen hochfahren, die die fluchtartige Reaktion aus der Situation ohne Triggerwarnung, unnötig machen.

Das ist Eigenverantwortung Betroffener.
Jede:r ist anders, hat andere Erfahrungen und Wunden. Und jede:r von ihnen geht anders damit um. Diese Entscheidungsfreiheit muss man Betroffenen zugestehen und das gehört zur Verantwortung von Autor:innen.
Zu sagen, dass man nur noch auf absolute Überthemen bei den Triggerwarnungen geht, nimmt Betroffenen die Möglichkeit zur Eigenverantwortung wieder, denn damit werden Triggerwarnungen zu allgemein.
Die Frage ist, was ist entsprechend des Genres zu erwarten. Bei einem Krimi ist die Thematik Tod nicht ungewöhnlich. In einem Liebesroman möglicherweise schon. Und wenn das aus dem Klappentext nicht bereits hervorgeht, dann sollte da vorsorglich gewarnt werden.

Um die oben erwähnte Emetophobie hier einzubeziehen, diese ist meiner Ansicht nach nicht genrespezifisch, tritt aber viel zu häufig auf (nicht nur in Büchern, auch in anderen Medien). Emesis oder ähnliche Schlagworte in die Triggerwarnung zu setzen, sollte daher immer dazugehören, denn es gibt weit mehr Menschen, die diese Thematik trifft. Gerade weil Emesis so stark in Geschichten verbreitet ist, bietet sich hier auch eine Spezifikation an. Eine simple Erwähnung über ein paar Wörter lässt sich oft besser ertragen als eine ausgebreitete Darstellung mit allen einhergehenden Symptomen über mehrere Seiten. Anhand dieser Spezifikation können Betroffene dann auch entscheiden, ob sie sich dem aussetzen können oder doch nicht.
Das gilt möglicherweise auch noch für andere Phobien, mir ist – nicht nur aus eigener Erfahrung – nur dieses Beispiel bekannt, weswegen ich es auch explizit thematisiere. Ich will damit nicht sagen, dass andere Phobien unwichtiger sind, ich weiß nur nicht, ob die Spezifikation bei anderen auch nötig ist, will das aber keineswegs ausschließen.

Wenn ihr unsicher seid, sucht euch Testleser genau dafür. Nicht alle von ihnen müssen das ganze Buch lesen, manchmal reicht es auch, entsprechende Szenen von Betroffenen lesen zu lassen (was im Grunde bereits ins Sensitivity Reading fällt).

Fazit:
Triggerwarnungen sind wichtig. Nicht nur diffus, sondern explizit, damit Betroffene Eigenverantwortung übernehmen können.
Explizit bedeutet dabei nicht, ins kleinste Detail zu gehen, schließt dies aber nicht aus.
Ebenso geht es dabei einerseits um bekannte Trigger für Traumata und Phobien, andererseits aber gerade um solche, die innerhalb des Genres nicht unbedingt zu erwarten sind.

Wie geht ihr mit Triggerwarnungen um?
Stören sie euch?
Oder unterstützen sie euch bei der Wahl zu lesen oder nicht?

Bis denne ☆

Japanisch schreiben lernen: Hiragana und Katakana

Ich hatte vor einiger Zeit auf Twitter gefragt, ob Interesse daran besteht, dass ich mal darüber rede, wie ich das japanische Schriftsystem gelernt habe/lerne, bezogen auf Hiragana/Katakana und meine Herangehensweise an Kanji. Dem ist so gewesen, also komme ich heute mal dazu.

Vorab zu meinem „Werdegang“.
Ich habe bereits 2006 begonnen, an der VHS Japanisch zu lernen. Nun ist das Tempo bei 12 x 3 Unterrichtsstunden à 45 Minuten im Semester nicht sehr hoch. Damals ging es noch, aber das hat sich im Laufe der Jahre geändert.
Das ist einer der Gründe, warum ich bereits so lange lerne und die Sprache ganz eindeutig noch längst nicht beherrsche.
Weitere Gründe liegen in jahrelanger Pause, weil es für mich keine Kurse auf einem passenden Level gab (5,5 Jahre) und ebenfalls an der Unterrichtsweise. Ich kann problemlos eine neue Grammatikform durchkonjugieren, wenn sie einmal erklärt worden ist, denn das ist im Japanischen sehr systematisch mit sehr wenigen Abweichungen. Prinzip einmal verstanden, schnell umgesetzt. Und genau das machen wir vorwiegend. Dieses Mal jene Form, nächstes Mal eine andere (auch zur Wiederholung, wo es dann heißt, kurz reinfinden, wie ging das noch mal, ah ja, alles klar). Aber das ist keine wirklich Anwendung. Ich kann kaum differenzieren, was ich wie am besten umsetze, um mich auszudrücken. Und behalte aufgrund der Splittung auch selten alles im Kopf.
Ich merke, dass ich manchmal Formen, die ich online sehe, ganz langsam verinnerliche und dann auch schneller abrufen kann. Aber für etwas Tiefgreifenderes reicht der Unterricht nicht. Ich kritisiere das auch nicht. Kurse, die höhere Anforderungen haben, kosten entsprechend mehr.

Ich habe damals Kurs für Kurs besucht, sie waren da auch noch ganz gut gefüllt (meine Kurse jetzt sind seit langer Zeit mit gerade mal vier Teilnehmenden gerade so stattfindend und wir hoffen jedes Mal, dass keiner von uns abspringt).
Während ich das 1. Semester nur den einen Kurs hatte (in dem die Hiragana vermittelt wurden), wurde im 2. und 3. Semester zusätzlich noch ein Kanji-Kurs durch eine andere Dozentin angeboten. Da habe ich dann zwei Kurse pro Woche besucht. Einmal den regulären Grundkurs (im 2. Semester waren dort die Katakana dran) sowie der Kanji-Grundlagenkurs sowie ein weiterführender. In der Zeit kam ich mit knapp 500 Kanji in Berührung.

Hiragana/Katakana

Da dies beides Silbenalphabete sind, haben wir in den beiden Semestern meist pro Woche fünf Silben gelernt (immer die komplette Vokalreihe, z. B. a, i, u, e, o; ka, ki, ku, ke, ko usw.). Wir haben im Unterricht geübt, wer wollte, zusätzlich zu Haus.

Bei mir sah das so aus, dass ich mit Musik gelernt habe.
Da ich einige Monate zuvor begonnen hatte, japanischsprachige Musik zu hören, habe ich mir Songtexte rausgesucht, die romanisiert waren, also in Buchstaben umgeschrieben. Diese habe ich als Vorlage genutzt. Aufgrund der Art, wie dies meist gemacht wird, haben sich ein paar Fehler eingeschlichen, aber für die reine Übung selbst, war das nicht weiter schlimm.[1]


Hiragana
(zum Vergrößern das Bild anklicken)


Katakana
(zum Vergrößern das Bild anklicken)

Ich habe hier mal den Anfang eines solchen Textes fotografiert. Oben die Übung von damals. Zusätzlich habe ich das jetzt einfach noch mal gemacht, auch, weil sich die Schrift mit aufkommender Routine ein bisschen verändert hat.
Einmal für die Hiragana und ebenfalls für die Katakana mit demselben Text. (Diese eben erwähnten „Fehler“ habe ich jetzt übrigens gleich durch die richtigen Hiragana/Katakana ersetzt, weil ich das mittlerweile eher erkenne.)
Ich habe übrigens in jedem Beispiel auch heute was vergessen (bei den Hiragana fehlt in der letzten Zeile ein „n“/ん, bei den Katakana in der letzten Zeile des ersten Absatzes ein „mai“/マイ).

Ein paar Tage später habe ich mir dann die Hiragana oder Katakana zur Hand genommen und diese wieder in Buchstaben übertragen. Diese habe ich dann wiederum mit dem Ursprungstext, den ich als Vorlage genutzt habe, abgeglichen.

Wobei ich auch sagen muss, dass diese romanisierten Texte teils eine absolute Katastrophe sind, was die Gliederung betrifft. Ich nehme an, diejenigen, die sie online gestellt haben, hatten von der Sprache auch nicht zu viel Ahnung. Bei mir wäre vor Jahren auch nichts Besseres rausgekommen, das soll also keine Kritik sein. Ich sehe nur jetzt, wie schwer es mir dieses Mal gefallen ist, weil ich ständig aus dem Wortfluss raus war und überlegen musste, was wohin gehört. Ich bevorzuge deswegen auch Originaltexte. Die ich im Übrigen auch selbst romanisiere. Einerseits weil ich sie so schnell nicht lesen kann bzw. viele Kanji noch immer nicht kenne, andererseits als Leseübung.

Für mich war das damals ein guter Weg. Wenn ich Zeichen immer nur in derselben Reihenfolge lerne, präge ich sie mir voneinander abhängig ein. Sobald sie durcheinander gewürfelt sind, fange ich an zu stolpern. Außerdem konnte ich mein Interesse für die Musik damit verbinden.
Und ich habe das überall gemacht. Wenn ich beispielsweise mit der Bahn von A nach B gefahren bin, hatte ich meinen Block und einen ausgedruckten Text dabei.

An diesem Punkt höre ich für heute auf, der Beitrag zu den Kanji kommt ein anderes Mal.

Bis denne ☆

 
[1]
Üblich ist für das Parikel は die Umschrift „wa“ anstatt „ha“, wie die Silbe eigentlich gelesen wird. Also stand in dem Songtext „wa“ und ich habe dementsprechend わ geschrieben, das eigentlich „wa“ romanisiert wird.
Dasselbe gilt für を, das meist mit „o“ dargestellt wird, obwohl die eigentliche Lesung „wo“ ist.
Ebenfalls für へ, welches oft mit „e“ romanisiert wird, obwohl es eigentlich ein „he“ ist.
Das hat meines Wissens etwas mit der Aussprache der drei Silben zu tun, ich mag diese Form der Umschrift dennoch nicht und verwende sie auch nicht. Texte, die ich in Buchstaben umschreibe, bekommen auch „ha“, „wo“ und „he“.

Leserückblick Juni

Der Juni ist vorbei und deswegen ist heute wieder Zeit für einen neuen Leserückblick.

Tatsächlich ist Lesen nach wie vor ein Thema bei mir, das nicht so wirklich hoch im Kurs steht. Aber zumindest lese ich meist recht viel, wenn ich mich hinsetze (wobei viel relativ ist).

Deswegen sind es im Juni bei mir immerhin mehr oder weniger drei Bücher geworden.

Den Anfang hat „Katzen würden Mäuse kaufen“ von Hans-Ulrich Grimm gemacht. Allerdings bin ich nicht sehr weit gekommen, da mir das Buch viel zu reißerisch geschrieben ist. Ich habe es deswegen abgebrochen. Ob ich es irgendwann trotzdem noch mal in die Hand nehmen werde, weiß ich nicht.

Danach habe ich „Cyber Trips“ von Marie Graßhoff gelesen, das Ende Mai erschienen ist.
Nachdem mir „Neon Birds“ sehr gut gefallen hatte, wollte ich natürlich wissen, wie es weitergeht. Das Buch war seit langer Zeit vorbestellt und nachdem ich es endlich abgeholt hatte (ich bin derzeit nicht so häufig in der Ecke, in der die Filiale liegt), war es dann soweit. Es ist ja nicht selten, dass zweite Teile einer Trilogie nicht ganz so mitreißt und so war es auch mit diesem Buch. Ich nehme an, dass im dritten Band noch mal ordentlich Fahrt aufgenommen wird und genau an dem Punkt bin ich nicht sicher, ob mir das gefällt, denn das ist so ein bisschen mein Kritikpunkt in Band 2. Den Hauptfiguren steht bereits so viel Gegenwehr entgegen, dass ich mir schwer vorstellen kann, wie sie das noch hinbekommen sollen. Aber es bleibt natürlich die Frage, ob das überhaupt Ziel der Reihe ist und deswegen lasse ich mich einfach mal überraschen. Vielleicht wird es noch eine große Wendung geben, die das alles in ein passendes Licht rückt.

Anschließend bin ich bei Sci-Fi geblieben und habe mit „Wasteland“ von Judith C. Vogt und Christian Vogt weitergemacht. Ein Buch, das mit gendergerechter Sprache auffährt, die sich überwiegend hervorragend lesen lässt. Diese Geschichte zeigt, dass Neopronomen problemlos in Texten Verwendung finden können, ohne sie näher zu erklären.

Kennt ihr eines der Bücher?
Mögt ihr solche Zukunftssettings?
Was habt ihr so gelesen?

Bis denne ☆