Warum Triggerwarnungen Eigenverantwortung durch Betroffene bedeuten

TW: Erwähnung von Emetophobie, Traumata, Panikattacken, Tod

Ich habe bereits im letzten Jahr über Triggerwarnungen geschrieben.
Mit der aktuell entbrandeten Diskussion möchte ich noch auf ein paar Aspekte eingehen, die damals untergegangen sind.

In den vergangenen Monaten habe ich Diskussionen, Austausche, Artikel etc. zum Thema mitverfolgt.
Und eines ist mir sehr negativ aufgefallen: Gegen Triggerwarnungen wird gern im Zusammenhang mit folgender Aussage argumentiert: Die Betroffenen sollen Verantwortung übernehmen. Sie sollen nicht aufgrund der Warnung in Vermeidungsverhalten verfallen, sondern ihr Trauma/ihre Phobie aufarbeiten.

Den grundlegenden Gedanken dahinter finde ich auch vollkommen richtig. Von Verdrängung lassen sich diese Dinge nicht aufhalten und erst recht nicht bewältigen.

Dennoch ist die Realität ein bisschen anders als diese simple Theorie.

Therapieplätze sind in Deutschland rar gesät. Um einen zu bekommen, steht man teils monate- und jahrelang auf Wartelisten. Und man muss dafür auch erst einmal die Kapazitäten haben, sich diesem Prozess auszusetzen (ich scheitere nach wie vor daran, überhaupt die Telefonliste abzuklappern, wobei bei mir auch noch Negativerfahrungen mit der letzten Therapeutin reinspielen, da kommen zwei Hürden zusammen, die ich überhaupt erstmal überwinden muss).
Hat man einen solchen Platz, muss die Therapie funktionieren. Das liegt an der betroffenen Person selbst (und die Faktoren fürs Schiefgehen sind vielfältig) und ebenfalls der Fachperson, die ihr gegenübersitzt. Hinzu kommt, dass so eine Aufarbeitung je nach Problematik (die nicht immer nur eindimensional mit einer einzigen Angst einhergeht, sondern oft sehr komplex sein kann und erst einmal erkannt werden muss) sehr lange dauern kann. Nun sind nicht nur die Therapieplätze rar, sie sind auch noch zeitlich begrenzt. Es gibt die Option, über das übliche Kontingent hinaus eine Verlängerung zu beantragen, ob das bewilligt wird, hängt von den Krankenkassen ab. Aber das ist nicht endlos. Ist bis zum Ende der Therapie die Aufarbeitung nicht abgeschlossen, hat man vielleicht etwas mehr Stabilität, aber die Gefahr von Rückfällen ist eben auch weiterhin da, weil der Heilungsprozess nicht abgeschlossen ist.

Bis dahin sind Betroffene eben darauf angewiesen, ausweichen zu können, um sich und ihren Heilungsprozess zu schützen.

Des Weiteren ist es natürlich richtig, dass Triggerwarnungen ein sehr komplexes Thema sind. Was sollte aufgeführt werden, was ist nicht nötig?
Letzteres gibt es vermutlich nie, denn irgendeinen Menschen, der das Buch vielleicht in der Hand halten könnte und eine Warnung brauchen könnte, die sonst niemand benötigt, wird es wohl immer geben. Dass darauf nicht so explizit Rücksicht genommen werden kann, ist verständlich.
Aber es gibt neben Traumata eben Phobien, die nicht selten sind. Die ebenfalls zu Panikattacken führen können. Und je nach Genre (oder auch nicht) sind diese genauso wichtig wie Traumata.
Der Hinweis auf entsprechende Themen im Buch bedeutet nicht immer, diesen auszuweichen. Aber die Option sich darauf einzustellen, bedeutet Eigenverantwortung Betroffener. Diese können sie aber nur übernehmen, wenn sie entsprechende Warnungen an die Hand bekommen. Mir geht es oft so – in diesem Beispiel bei Tweets -, dass ich unbedarft auf Themen stoße, die sofort Bilder in mir heraufbeschwören, meinen Herzschlag nach oben treiben und mich fluchtartig weiterscrollen lassen. Das ist manchmal nur ein ungutes Gefühl, manchmal ist es aber auch schon Angst, hält sich dann noch eine Weile. Die Bilder ebenfalls und ich muss sie mit viel Mühe von mir schieben. Sind solche Tweets mit Triggerwarnungen versehen, habe ich die Möglichkeit zu entscheiden, ob ich mich gerade in der Lage fühle, mich damit auseinanderzusetzen oder nicht. Manche Themen gehen vorläufig trotzdem nicht, weil die Aufarbeitung fehlt. Andere funktionieren vielleicht nicht jetzt sofort, weil ich schon zu angespannt bin, aber in ein paar Stunden sieht es anders aus. Und manchmal bin ich in dem Augenblick bei denselben Themen auch sofort fähig, mich ihnen zu stellen. Da ich mich durch die Triggerwarnung auf das, was ich kurz darauf lese, einstellen kann, kann ich Schutzmechanismen hochfahren, die die fluchtartige Reaktion aus der Situation ohne Triggerwarnung, unnötig machen.

Das ist Eigenverantwortung Betroffener.
Jede:r ist anders, hat andere Erfahrungen und Wunden. Und jede:r von ihnen geht anders damit um. Diese Entscheidungsfreiheit muss man Betroffenen zugestehen und das gehört zur Verantwortung von Autor:innen.
Zu sagen, dass man nur noch auf absolute Überthemen bei den Triggerwarnungen geht, nimmt Betroffenen die Möglichkeit zur Eigenverantwortung wieder, denn damit werden Triggerwarnungen zu allgemein.
Die Frage ist, was ist entsprechend des Genres zu erwarten. Bei einem Krimi ist die Thematik Tod nicht ungewöhnlich. In einem Liebesroman möglicherweise schon. Und wenn das aus dem Klappentext nicht bereits hervorgeht, dann sollte da vorsorglich gewarnt werden.

Um die oben erwähnte Emetophobie hier einzubeziehen, diese ist meiner Ansicht nach nicht genrespezifisch, tritt aber viel zu häufig auf (nicht nur in Büchern, auch in anderen Medien). Emesis oder ähnliche Schlagworte in die Triggerwarnung zu setzen, sollte daher immer dazugehören, denn es gibt weit mehr Menschen, die diese Thematik trifft. Gerade weil Emesis so stark in Geschichten verbreitet ist, bietet sich hier auch eine Spezifikation an. Eine simple Erwähnung über ein paar Wörter lässt sich oft besser ertragen als eine ausgebreitete Darstellung mit allen einhergehenden Symptomen über mehrere Seiten. Anhand dieser Spezifikation können Betroffene dann auch entscheiden, ob sie sich dem aussetzen können oder doch nicht.
Das gilt möglicherweise auch noch für andere Phobien, mir ist – nicht nur aus eigener Erfahrung – nur dieses Beispiel bekannt, weswegen ich es auch explizit thematisiere. Ich will damit nicht sagen, dass andere Phobien unwichtiger sind, ich weiß nur nicht, ob die Spezifikation bei anderen auch nötig ist, will das aber keineswegs ausschließen.

Wenn ihr unsicher seid, sucht euch Testleser genau dafür. Nicht alle von ihnen müssen das ganze Buch lesen, manchmal reicht es auch, entsprechende Szenen von Betroffenen lesen zu lassen (was im Grunde bereits ins Sensitivity Reading fällt).

Fazit:
Triggerwarnungen sind wichtig. Nicht nur diffus, sondern explizit, damit Betroffene Eigenverantwortung übernehmen können.
Explizit bedeutet dabei nicht, ins kleinste Detail zu gehen, schließt dies aber nicht aus.
Ebenso geht es dabei einerseits um bekannte Trigger für Traumata und Phobien, andererseits aber gerade um solche, die innerhalb des Genres nicht unbedingt zu erwarten sind.

Wie geht ihr mit Triggerwarnungen um?
Stören sie euch?
Oder unterstützen sie euch bei der Wahl zu lesen oder nicht?

Bis denne ☆

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