Hochsensibilität

Dass ich hochsensibel bin, weiß ich … kann ich gar nicht genau sagen.
Ende 2018 bin ich über dieses Video von Ella TheBee gestolpert (naja, ich folge ihr, aber ich hatte nicht mit der Thematik gerechnet gehabt).
„Ja, klar, Hochsensibilität, kennst du ja. Menschen, die schnell von zu vielen visuellen und/oder akustischen Eindrücken überfordert sind. Hast du so gar nichts mit zu tun. Sonst würdest du es in der Großstadt wohl nicht aushalten und da willst du auf keinen Fall weg.“
Das waren in etwa meine Gedanken gewesen, bevor das Video begann.
Nur um dann zu lernen, dass da viel mehr hintersteckt.

Was ist denn eigentlich Hochsensibilität?

Hochsensibilität ist ein umgangssprachlicher Begriff, mit dem das Temperamentsmerkmal höherer sensorischer Verarbeitungssensitivität (englisch: sensory-processing sensitivity) bezeichnet wird. Die basale Forschungstätigkeit zu dem als Persönlichkeitsdisposition verstandenen psychophysiologischen Konstrukt der Hochsensibilität stammt von dem US-amerikanischen Psychologenehepaar Aron (1997). Nach ihrer „Vorstellung bedeutet Hochsensibilität sowohl eine hohe Sensitivität für subtile Reize als auch eine leichte Übererregbarkeit“. Hochsensibilität bezeichnet als Eigenschaft ein Konzept zur Erklärung der zwischen Individuen unterschiedlichen psychologischen und neurophysiologischen Verarbeitung von Reizen.

(Wikipedia)

Doch zurück zum Video.
Die erste Erkenntnis kam mit der Erwähnung des Geschmackssinns.
Ich kann mich nicht erinnern, dass es bei mir je anders war, als dass ich gesagt habe, dies oder das schmeckt mir nur von diesem Hersteller, alles andere nicht. Andere Menschen in meinem Umfeld waren dagegen der Meinung, es schmeckt doch alles gleich. Das ist bis heute so. In vielen Fällen mag ich dieses Produkt nur von diesem Hersteller und jenes nur von einem anderen. Weswegen ich immer wieder damit konfrontiert bin, Alternativen zu finden, wenn diese Produkte verändert oder vom Markt genommen werden. Oder ganz darauf verzichten muss. Beispielsweise ist Kitkat letztes Jahr umgestellt worden. Auf der Verpackung steht seitdem „100 % sustainably sourced cocoa“. Das ist eine gute Sache, den Aspekt will ich nicht kritisieren. Aber die Riegel schmecken seitdem anders. Das ist mir sofort aufgefallen. Ich habe die restlichen also erstmal liegen lassen, eine Weile etwas anderes genascht und nach einiger Zeit noch einmal davon probiert. Leider hat sich mein Eindruck nicht verändert gehabt. Ich hatte gehofft, dass mir der Abstand vom alten Geschmack helfen würde, aber nein.

Dann wurde in dem Video der Tastsinn angesprochen und ich dachte, ja, da bist du auch empfindlich. Ich spüre die winzigsten Krümel oder knotigen Fussel, wenn ich im Bett liege und die müssen raus, das stört mich extrem. Wenn der Pulloverärmel beim Anziehen hochrutscht, ist in mir immer noch die kindliche Reaktion da, zu heulen und das am liebsten abzuschütteln. Ich weiß natürlich, dass das nichts bringt und mache es auch nicht, aber impulsiv will sich dieses Verhalten auch heute noch nach außen stehlen, denn es fühlt sich extrem unangenehm und störend an. Und ich kenne das von anderen nicht.
Ebenso mag ich meist Kleidung aus Wolle nicht. Egal wie weich sie sich in meinen Händen noch anfühlt, auf der restlichen Haut kratzt fast alles davon.
Außerdem ertrage ich Berührungen nicht lange. Ein paar Mal auf derselben Stelle, aber danach ist die Berührung nur noch unangenehm.

Aufgrunddessen habe ich mir eines der Bücher, die im Video empfohlen worden sind besorgt und in Etappen gelesen. Für mich war das extrem aufwühlend, weil es auch noch andere Bereiche in meinem Leben angesprochen hat (frühkindliche Entwicklung, Angstverhalten etc.). Aber je weiter ich vorankam, bin ich sicher geworden, hochsensibel zu sein.

Ob es nun daran liegt (was ich weniger glaube) oder nicht, weiß ich nicht, aber ich kann sagen, dass sich das mittlerweile auch immer mehr zeigt.
Dazu habe ich im Laufe der Zeit von einer Bekannten die Aussage bekommen, dass das durchaus möglich ist. Ich bin ja unter einem Menschen aufgewachsen, der zumindest starke narzisstische Tendenzen hat und es kann sein, dass ich dadurch von Anfang an gelernt habe, meine Bedürfnisse zurückzustellen. Und damit eben auch die Hochsensibilität. Seit ich mich von diesem Menschen distanziere bzw. mittlerweile komplett den Kontakt abgebrochen habe, hat dieser Teil von mir die Möglichkeit, sich zu zeigen.
Es ist nicht sicher, ob das zutrifft, aber zumindest ist es ein Ansatz, der für mich sehr logisch klingt.

Ich bin mittlerweile tatsächlich weit geräuschempfindlicher.
Ich brauche eine gewisse Kulisse, Motorenlärm von ständig vorbeifahrenden Autos gehört für mich einfach dazu, aber ich habe auch mein ganzes Leben in einer Großstadt verbracht. Die absolute Ruhe ländlicher Gegenden ist für mich dagegen unerträglich.

Ebenso überlege ich derzeit, ob meine Lichtempfindlichkeit ein Teil dessen ist.
Ich vertrage ja keinerlei Tageslicht, Sonnenlicht ist noch schlimmer. Darauf reagiere ich mit Migräne und trage draußen deswegen immer eine dunkle, große Sonnenbrille, die an den Ecken gebogen ist, damit auch dort kein Licht einfallen kann. Dieses Jahr ist die Empfindlichkeit stärker als bislang (was zu dem oben angesprochenen Punkt passen würde). Ich brauche zusätzlich ein Cap, das jegliches Licht, das oben über dem Brillenrand einfallen könnte, abschirmt. Was in der jetzigen Situation mit Maske quasi nichts von meinem Gesicht übrig lässt. Bis letzten Sommer konnte ich zumindest auf das Cap verzichten.

Geruchsempfindlich bin ich schon länger. Und möglicherweise hängt meine Aversion gegen Aromatherapie auch damit zusammen.
Manches kann ich kurzzeitig ertragen (ich mag den Geruch von Kaffeepulver, auch wenn ich keinen Kaffee trinke, genauso den einer frisch geöffneten Zigarettenschachtel, das mochte ich schon als Kind), aber ich darf nur ein paar Mal dran schnuppern, danach wird es unangenehm (also ähnlich wie beim Tastsinn und Berührungen).
Ebenso bin ich sehr empfindlich, was Brandgerüche betrifft, da reichen ganz leichte Spuren (hier im Haus wird nachts die Lüftung in den Schächten in Bad und Küche abgestellt und wenn dann jemand kocht und zu scharf anbrät, riecht das auch erstmal verkohlt und hat mir schon mehr als einmal einen gehörigen Schreck verpasst).

Oftmals ist das Problem dann gar nicht, die einzelne Wahrnehmung.
Schwierig ist es hier teilweise, dass andere Menschen nichts auf Rücksicht geben. Das ist ein Teil.
Das größere Problem ist dann vor allem die Summe.
In dem erwähnten Buch („Sind Sie hochsensibel?“ von Elaine N. Aron) wird von Übererregung gesprochen.
Und diese ist wirklich anstrengend.
Gegen die Geräusche könnte ich mich theoretisch mit Noise-Cancelling-Kopfhörern schützen. Das Problem ist dann aber auch, dass ich nichts mitbekomme. Wenn es an der Tür klingelt, höre ich es nicht. Das bedeutet einerseits keine Lieferungen, andererseits aber eben auch keinen Notfall. Deswegen ist das für mich keine Option. Ich höre zwar durchaus Musik mit Kopfhörern, aber eben nur normale statt solcher, die komplett ausblenden. Was dann äußere Reize teils trotzdem durchlässt.
Außerdem ist manchmal auch die Musik zuviel Reiz. Glücklicherweise nicht immer, aber es gibt Tage, da funktioniert Musik nicht, an anderen brauche ich sie auch ohne störende Geräusche.

Ich sehe meine Hochsensibilität nicht als Superkraft und ebenfalls nicht als Fluch. Aber so wie sie manchmal von Vorteil ist, hat sie ihre Nachteile. Ich versuche mich damit zu arrangieren, mir die Auszeiten einzuplanen, die ich nach bestimmten Situationen brauche, doch manchmal ist das einfach nicht möglich.
Übrigens neige ich zu einer Mischung aus Emotionalität und Aggression, wenn ich reizüberflutet bin. Das schwankt von Sekunde zu Sekunde. In der einen bin ich ein kleines Häufchen Elend, in der nächsten fluche ich wütend vor mich hin.
Seit ich über meine Hochsensibilität Bescheid weiß, fühlt es sich trotzdem ein bisschen einfacher an. Nicht in den Momenten, in denen ich im Gegensatz zu früher reizüberflutet bin, doch zugleich ist eben das Wissen, warum dem so ist, warum ich in dem Augenblick so reagiere, mich so und so fühle, wiederum auch hilfreich. Ich bin eben nicht einfach überempfindlich und übertreibe. Bevor ich um meine Hochsensibilität wusste, habe ich mich manchmal selbst gefragt, warum ich so heftig reagiere, heute weiß ich es.

Seid ihr auch hochsensibel?
Wenn ja, wie geht ihr damit um?
Oder habt ihr hochsensible Menschen in eurem Umfeld?

Bis denne ☆

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