Rezension: Rohkäppchen und der zahnlose Wolf – Jutta Ziegler

Titelbild des Beitrages, enthält nur Text.
Titel: Rezension: Rohkäppchen und der zahnlose Wolf - Jutta Ziegler

 
Es ist eine ganze Weile her, seit ich überhaupt ein Barfbuch gelesen habe. Das hat sich kürzlich geändert und deswegen gibt es heute auch mal wieder eine Rezension.
Sie erscheint ebenfalls in einem Barfforum, denn dort ist die Frage nach Einschätzungen zu dem Buch aufgekommen. Ich habe mir also das Buch gekauft, es gelesen und kann mich deswegen jetzt dazu äußern.
 
 
Buchcover, oben der Titel, darunter eine Abbildung, die eine Frau mit einem Stück Fleisch zeigt, das die Frau einem zahnlosen Wolf hinhält, der sich zusammenkauert, darunter steht als erweiterter Text B.A.R.F. - Artgerechte Fütterung verstehen und anwenden
Das etwas andere BARF-Buch für Hunde und Katzen von Dr. med. vet. Jutta Ziegler
unten rechts ist einer Banderole ähnlich folgender Text abgebildet: BARF-Schnelleinstieg für Anfänger
Ernährung von kranken Hunden und Katzen

 
Titel: Rohkäppchen und der zahnlose Wolf
Autorin: Dr. med. vet. Jutta Ziegler
Erscheinungsdatum: 14.03.2022 (3. Auflage)
Seitenzahl: 272 Seiten
Preis: 24,99 €
 
 
Innenseite des Buchdeckels, im Hintergrund sind abwechselnd eine Katze mit leichtem Buckel und ein Hund als Scherenschnitt abgebildet, davor ist die Karte zum Schnelleinstieg fixiert, der Text ist aus urheberrechtlichen Gründen nur verschwommen auf dem Bild

 

„Rohkäppchen und der zahnlose Wolf“ ist ein außergewöhnliches Buch zum Thema BARF (Biologisch Artgerechte Roh-Fütterung), mit dem Sie ohne komplizierte Rechnungen eine ausgewogene BARF-Ration für Hund und Katze zusammenstellen können. Dieses Buch ist sowohl für den BARF-Anfänger, der sofort beginnen will, als auch für denjenigen, der in der Materie schon fit ist, gedacht.
Der Schnelleinstieg für Anfänger ist auf der Buchdeckelinnenseite sofort verfügbar.

 
Mit diesem Text auf der Rückseite des Buches wird angedeutet, worum es in dem Buch gehen soll.

Das klingt vielversprechend, denn es geht um Hund und Katze, soll super einfach sein und nicht nur denjenigen etwas bringen, die sich noch gar nicht auskennen, sondern auch denen, die bereits Erfahrung haben.
 
 
Inhaltsverzeichnis des Buches, links verläuft von oben nach unten eine gewundene Linie aus Pfotenabdrücken von Hund (blau) und Katze (rot), dieser Linie passen sich die einzelnen Abschnitte des Buches an, vor den Seitenzahlen gibt es die Abbildungen von Hund und Katze im Scherenschnitt ebenfalls in blau bzw. rot zur Kennzeichnung, um welche der beiden es im jeweiligen Abschnitt des Buches geht, der Text ist aus urheberrechtlichen Gründen verschwommen auf dem Bild

 

Aufbau und Äußeres

Das Buch hat einen Hardcover-Einband mit Fadenbindung, eine transparente Einstecklasche für die Karte mit den Informationen zum Schnelleinstieg an der Buchdeckelinnenseite und ein Lesebändchen. Das Gewicht liegt bei rund 1,2 kg.

Die Gliederung ist übersichtlich, im Inhaltsverzeichnis ist mittels kleiner Tiersymbole bereits vermerkt, welche Kapitel sich nur auf Hund oder Katze und welche sich auf beide Tierarten beziehen. Die Aufteilung von Schrift und weiteren Elementen ist überwiegend gut, in den meisten Fällen unterbrechen die eingebauten kleinen Kästen den Fließtext nicht. Es gibt immer wieder Zeichnungen, die den jeweiligen Text unterstreichen sollen. Manche Tabellen sind etwas sehr klein und dadurch schwer lesbar.

 

Sprache

Der Stil ist überwiegend flüssig, wobei einige Fehler im Korrektorat übersehen oder von der Autorin beim Einarbeiten übergangen worden sind. Calcium taucht einige wenige Male als „Kalcium“ auf (z. B. S. 57), in einem Absatz wird einmal Aujeszkyvirus und einmal Aujeszky-Virus geschrieben (s. S. 161) und der Unterschied zwischen dem Radikal und einer radikalen Person scheint bisweilen auch nicht bekannt zu sein (z. B. „Bei Enzymreaktionen wirken sie als Verstärker, […] beim Abfangen freier Radikaler (Vitamin E) […].“ s. S. 82)).
 
 
Beispielabbildung einer Doppelseite des Buches, auf der linken Seite befindet sich neben reinem Text eine Tabelle, auf der rechten ein kleiner Infokasten, der rot hinterlegt ist und eine kleine Abbildung im Scherenschnitt, die ein auf dem Boden sitzendes Kind zeigt, dem eine Frau auf einem Stuhl gegenübersitzt und ihm ein Märchen erzählt

 

Inhalt

Um ehrlich zu sein, lässt mich dieses Buch sehr ratlos zurück. Worauf will die Autorin eigentlich hinaus? Hunde? Katzen? Oder eigentlich doch eher Menschen? Denn sie verliert sich immer wieder in Schilderungen zum Menschen. Sie ist Ärztin und in gewisser Weise ist das auch spürbar. Sehr schnell beginnt die Autorin darüber zu erzählen, wie Nährstoffe im Körper wirken, wie sie aufgebaut sind, doch sie kommt vom Hundertsten ins Tausendste.

Dazu erklärt sie, dass Bedarfswerte beim Barfen unnötig sind, da sie ohnehin nicht verwertbar sind. Einerseits sind sie an nicht gebarften Tieren getestet worden (das ist nicht völlig falsch, aber die jahrelange Erfahrung zeigt, dass sie dennoch funktionieren, zumal es nicht den einen festen Bedarfswert gibt und ihre Aussage, dass die zugrunde gelegten Bedarfswerte zu hoch sind, verliert allein dadurch an Kraft, weil es nicht automatisch bedeutet, sich ausschließlich an der Obergrenze eines Bedarfsbereiches zu bewegen), andererseits stellt sie es so dar, als gäbe es keinerlei Zahlen, die an Katzen ermittelt worden sind (S. 12). Es stimmt, manche Bedarfswerte sind nur übertragen worden, aber ihre Aussage ist zu einseitig.

Einerseits appelliert sie, dass Barfende zusammenhalten sollten, egal welche Auffassung sie vertreten (S. 10), andererseits sagt sie „eine Rechnung mit drei falschen Zahlen kann kein richtiges Ergebnis liefern“ (S. 13), nachdem sie zuvor ausführlich erklärt hat, warum ihrer Meinung nach Bedarfswerte überhaupt nicht funktionieren können. Dass Erfahrungswerte dem gegenüberstehen, ignoriert sie vollkommen. Wie sie auch ihren eigenen Appell ignoriert, zusammenzuhalten, denn sie kritisiert damit die Herangehensweise des Suppi-Barfs komplett.

Überraschenderweise sagt sie dann auf S. 33 trotzdem, dass der Vitamin-B3-Bedarf bei Katzen doppelt so hoch wie bei Hunden ist. Woher auch immer sie das weiß, wenn Bedarfswerte doch angeblich nicht vertrauenswürdig sind.

 
Anstatt sich aber wegen ihrer Ansicht, dass Suppi-Barf nicht funktional ist, auf pauschale Barfmethoden wie z. B. Frankenprey Plus zu verlegen, macht sie etwas ganz anderes.

Das gesamte Buch über ist die Rede von der „natürlichen Ernährung“. Doch wie genau diese aussieht, erklärt sie nie. Sie nennt immer nur wieder Beutetiere als Vorbild und Orientierung, weswegen sie jegliche nicht natürliche Supplemente ablehnt (außer sie werden absolut unvermeidlich), aber mehr kommt auch nicht. Sie orientiert sich vorrangig an der Maus. Ihrem Beispiel zu folgen, würde bedeuten, nicht nur die Nährwerte, die Mäuse der Katze liefern, zu nutzen, sondern auch prozentual in etwa diesem Aufbau zu folgen. Angaben zur Menge an Knochen sind im Buch vermerkt, andere jedoch nicht. Beispielsweise habe ich Angaben gefunden, dass eine Maus einen Herzanteil von 0,32 – 0,50 % besitzt (je nach Quelle). Bei einem natürlichen Ansatz dürfte also auch das Katzenfutter nicht mehr als diesen Anteil an Herz enthalten. Womit die Taurindeckung mittels Herz unmöglich wird.

Auch ihre Aussage, dass Herz einen sehr hohen Tauringehalt hat (S. 58), stimmt so pauschal nicht. Den meisten Tauringehalt hat Muskelgewebe, das zu Lebzeiten viel bewegt worden ist, was also auf Herz mit hohem Gehalt erst einmal zutrifft. Allerdings gilt dies auch nur direkt nach der Schlachtung in solcher Menge. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Taurin verliert sich. Je feiner die Konsistenz, desto mehr Taurin verliert sich. Daraus resultiert, dass Herz, das im Futter verarbeitet wird, nicht mehr den hohen Tauringehalt hat, der Herz gern nachgesagt wird. Falsch ist im Übrigen auch die Aussage, dass Kochen Taurin vollständig zerstört (S. 57). Es ist korrekt, dass sich ein Teil des Taurins beim Erhitzen verliert. Doch um jegliches Taurin durch Hitzeeinwirkung zu zerstören, muss sehr lange und auch hoch erhitzt werden. Dies ist aber nicht die gängige Praxis, wenn das sogenannte Kochbarf zur Anwendung kommt. Und selbst bei der Produktion von Fertigfutter wird nicht unnötig länger und höher erhitzt als erforderlich ist.

 
In genau diesem Ton geht es durch das gesamte Buch weiter.

Die Autorin versucht immer besonders starke Kontraste aufzuzeigen, indem sie ihre natürliche Ernährungsweise beispielsweise mit dem miesesten Trockenfutter und manchmal auch mit minderwertigem Nassfutter vergleicht. Als gäbe es nicht genügend anderes Futter auf dem Markt. Nicht dabei zu vergessen, dass sie selbst Futter produzieren lässt, auch Trockenfutter. Selbst wenn dieses kaltgepresst ist, widerspricht es der natürlichen Ernährung der Katze (und damit im Grunde ihrem eigenen Ansatz). Wenn eine Ärztin angeblich so viel Ernährungswissen hat, wieso lässt sie dann Trockenfutter produzieren? Sie kritisiert Tierärzt*innen, die Diätfuttermittel verkaufen dahingehend, dass sie sich dafür nur finanzielle Gewinnorientierung vorstellen kann, aber welchen brauchbaren und Katzen dienlichen Antrieb hat sie für das Trockenfutter? Diese Doppelmoral ist höchst fragwürdig.

 
Allgemein kritisiert sie Tierärzt*innen sehr viel und sagt auf S. 9 sogar: „Gerade ein Tierarzt sollte aber sehr wohl darüber informiert sein, was in dem Futter, das er tagtäglich in seiner Praxis empfiehlt und verkauft, enthalten ist. Das ist jedenfalls meine Überzeugung.“ Damit bringt sie zwei Punkte ins Spiel, die ich ansprechen möchte. Zum einen sind Tierärzt*innen keine Ernährungsberater*innen. Nein, sie müssen nicht über ernährungsspezifisches Wissen verfügen. Sie sollen medizinisches Fachwissen haben und dieses anwenden können. Immerhin müssten Tierärzt*innen ansonsten noch viel mehr Wissen haben. Neben Hunden und Katzen kommen da alle möglichen Vogelarten, Nagetiere und so vieles mehr hinzu. Der andere Punkt ist die Äußerung, dass das ihre Überzeugung ist. Mit mehr wartet dieses Buch nämlich auch nicht auf. Es ist eine große Abbildung ihrer Meinung.

 
Hier und da finden sich in dem Buch Tabellen mit Zahlen. Tauringehalte in verschiedenen Futtermitteln (z. B. Rinderleber, Fisch, Shrimps, mageres Lammfleisch und mehr), doch Quellenangaben fehlen. Nicht eine dieser Zahlen lässt sich nachprüfen. Als promovierte Ärztin sollte sie wissen, dass zu solchen Tabellen immer Quellen gehören, gerade auch bei einer Veröffentlichung in einem Buch.

 
Allerdings lehnt diese Ärztin mittlerweile die Schulmedizin wohl zu großen Teilen ab, so mein Eindruck nach Lesen dieses Buches. Sie arbeitet auch nur noch als Tierheilpraktikerin, ist gegen Impfungen und chemische Entwurmung (ich stimme ihr hinsichtlich prophylaktischer Entwurmung zu, aber das wars auch) und kritisiert Tierärzt*innen und Medikamente in diesem Buch so häufig, dass der Eindruck entsteht, sie sei der festen Überzeugung, dass Katzen zum Spaß medikamentös therapiert werden. Denn daraus würden viele Erkrankungen, Verdauungsprobleme usw. entstehen, so sagt es das Buch.

 
Ebenso enthält das Buch schlicht unnötige Kritik. Im Abschnitt zu CNI bei Katzen werden Phosphatbinder angesprochen. Dabei schreibt die Autorin: „Phosphorbinder können auch Schaden anrichten. Das gilt besonders für das neu am Markt erhältliche Renalzin, das neben der Phosphor bindenden Substanz Lanthancarbonat das Konservierungsmittel Methyl 4-Hydroxybenzoate (E218) enthält.“ (S. 248) Nun ist es so, dass Renalzin bereits 2015 vom Markt genommen worden ist. Die Version des Buches, die mir vorliegt, führt im Impressum folgendes an: „3. verbesserte Auflage 2022“. Wieso befindet sich der Hinweis zu einem Mittel, das vor sieben Jahren vom Markt genommen worden ist, noch im Buch? Dieser ist inhaltlich korrekt, aber da das Buch 2016 erschienen ist, war er eigentlich zu keinem Zeitpunkt angebracht, hätte aber spätestens in dieser Überarbeitung entfernt werden müssen. Er ist deswegen völlig überflüssig.

 
Ich habe hier bislang nicht wirklich etwas über die Anteile zum Barfen geschrieben? Das stimmt, denn es findet sich nicht viel.

Die Autorin ist der Ansicht, dass es weniger Zahlen bedarf und nicht jede Mahlzeit exakt aufs Gramm ausgerechnet zu werden braucht (S. 12). Dass es im Suppi-Barf gar nicht üblich ist, jede Mahlzeit einzeln zu berechnen, übergeht sie dabei, alle ihre Rezepte sind im Gegensatz dazu auf Tagesrationen nach Katzengewicht berechnet (und bewegen sich deswegen zwischen 100 – 180 g Fleisch, ausgenommen das Rezept bei Pankreaserkrankungen). Sie verkompliziert Berechnungen damit, denn die verwendeten Mengen sind nicht nur sehr ungenau, sondern auch unhandlich. Dass sie damit außerdem die Katze und nicht das Fleisch supplementiert, zeugt beinahe von purer Ironie.

Sie spricht von Vereinfachung, indem sie ihrer Meinung nach unnötige Berechnungen weglässt, schreibt aber dafür sehr viele fürs Barfen unnötige Informationen.

 
Und wo ich ihre Rezepte erwähne …

Ich habe noch nie solch unbrauchbare Rezepte gesehen wie diese.

So unvollständig und nährstofffehlversorgend, wie es in diesen Rezepten zugeht, lässt sich eine gesunde Fütterung nicht erreichen.

Es werden pauschale Rezepte geschrieben, die zwar durch Abwechslung vor Über- und Unterversorgung schützen sollen, aber es wird nicht ausreichend aufgeführt, wodurch. Falls sich doch einmal eine Erwähnung findet, dann häufig durch pflanzliche Optionen. Oder es handelt sich um andere – teils tierische – Bestandteile, die nicht gut geeignet sind. Ansätze wie Frankenprey Plus sind auch pauschal, dieser Punkt ist nicht das, was ich kritisiere. In den Rezepten dieses Buches fehlen oft Bestandteile, um Nährstoffe abzudecken. Abwechslung wird nur im Fließtext erwähnt, aber in den Rezepten nicht gekennzeichnet. Menschen, die neu in der Materie sind, müssen sich beim Erstellen der Rezepte die ganze Zeit durch all die Seiten blättern, um sich zusammenzusuchen, wie sie das pauschale Rezept für ihren eigenen Gebrauch anpassen können und finden auch dann nicht alle nötigen Antworten (z. B. aus 50 – 65 % Muskelfleisch, 10 – 20 % Innereien usw., dann im Text suchen, welche Innereien denn nun geeignet sind, wie häufig sie gewechselt werden sollten oder zu welchem Anteil welche Innerei in einem Rezept enthalten sein sollte, dazu findet sich nichts). Dahingehend ist Frankenprey Plus eindeutiger (gegen das ich ohnehin nichts einzuwenden habe).

Auch rät sie von synthetisch hergestelltem Taurin ab, wenn es doch ergänzt werden muss, sondern empfiehlt Grünlippmuschelpulver, das einen weit geringeren Tauringehalt hat. Sie listet weitere natürliche Quellen auf, selbst wenn diese, wie z. B. Hirn gar nicht verfügbar sind. (Übrigens ist im Zusammenhang mit Taurin sehr paradox, dass ihr eigenes Nassfutter als Ergänzungsfutter daherkommt und der Hinweis dabeisteht, dass Taurin ergänzt werden muss (z. B. Huhn), während sie bei anderem Fertigfutter indirekt andeutet, dass die Taurinzugaben oft zu gering sind (S. 58) (den meisten Fertigfuttern ist weniger Taurin zugesetzt als es in den Empfehlungen steht).)

Und sie führt Rosmarinöl als natürliches Antioxidans an – denn alles andere befindet sie nicht für gut (sie steht damit allerdings im Widerspruch zu den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung, wo Rosmarinöl aufgrund leberschädigender Wirkung kritisch betrachtet wird). Sie kritisiert Vitamin C oder Vitamin E als natürlich angepriesene Antioxidantien, da diese „synthetisch mit Hilfe gentechnisch veränderter Bakterien oder Pflanzen hergestellt“ werden (S. 20). Dass Rosmarinöl aber nichts in Katzen zu suchen hat, übergeht sie dabei. Natürlich lässt sich jetzt argumentieren, dass sich das nur auf Hunde beziehen könnte, denn in diesem Kapitel geht es um Hunde und Katzen, aber dann fehlt zumindest die Differenzierung.

Es gibt unzählige weitere Beispiele dieser Art, aber ich lasse es, diese alle aufzuführen. Ich könnte ein eigenes Buch damit füllen, was mir an Kritikpunkten dahingehend aufgefallen ist. In der Art und Weise ähneln sie sich alle.

 
Worauf ich exemplarisch noch eingehen möchte, ist das Ca/P-Verhältnis, denn sie wirft noch im Klappentext die Frage nach dem „Sinn oder Unsinn eines „richtigen“ Kalzium-Phosphor-Verhältnisses“ auf. Sie befindet es – wie es fast zu erwarten gewesen ist – für unsinnig (S. 73). Dafür führt sie auf derselben Seite an, dass sich die Angaben dazu immer mal verändert haben: „[…] bei Katzen schwanken die Angaben stärker als bei Hunden, sie liegen hier zwischen 0,9:1,1 im Jahr 1985 und 1:1 im Jahr 2006 (National Research Council = NRC) sowie im Jahr 2008 1,2:1 (Association of American Food Control Officials = AAFCO). Wenn man die gängigen Mineralfuttermischungen anschaut, findet man aber ein ganz anderes Verhältnis. Bis zu 5-6:1 findet sich in diesen Mischungen.“

  1. Sie mischt hier verschiedene Institute (NRC und AAFCO). Nur ist es schon immer so, dass die Empfehlungen verschiedener Institute teils stark voneinander abweichen. Genau daher gibt es überhaupt die Bedarfswertspannen statt fester Bedarfswerte. Zusätzlich wird weiterlaufende Forschung selbstverständlich auch auf dem Gebiet der Rohfütterung betrieben. Dass sich Zahlen aufgrund neuerer Erkenntnisse ändern, ist ein wichtiger Bestandteil von Wissenschaft. Ihr „Argument“ ist also schon einmal ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Aber da geht noch mehr.
  2. Denn die Autorin wirft dann zusätzlich ein Ca/P-Verhältnis von Mineralfuttermischungen in den Raum. Diese haben in dem Vergleich nur überhaupt nichts zu suchen.
    Die anderen Angaben beziehen sich auf fertiges Futter und das Ca/P-Verhältnis, das dieses laut den Empfehlungen der Institute haben sollte. Zu den Mineralfuttermischungen kommt aber noch das Fleisch und dessen Phosphatgehalt verändert das Ca/P-Verhältnis der Mineralfuttermischung dann ganz auffällig. Deswegen haben diese Mischungen auch erst einmal ein sehr hohes Ca/P-Verhältnis, denn beim Fleisch ist es genau umgekehrt. Diese Mischungen in den Vergleich mit dem Ca/P-Verhältnis von fertigem Futter einzubeziehen, ist absolut falsch und stiftet für Leute, die neu im Barfen sind, im schlimmsten Fall absolute Verwirrung. Allerdings glaube ich auch, dass das Ziel des Buches ist. Jetzt sind wir auf jeden Fall dabei, Äpfel mit Backsteinen zu vergleichen.

Das Ca/P-Verhältnis ist ein recht komplexes Thema (wenn auch nicht schwierig), das sich nicht pauschal einfach mal so wegschieben lässt, indem nicht nur Äpfel mit Birnen, sondern auch zusätzlich noch mit Backsteinen verglichen werden.

 
Auch scheint die Autorin eine Vorliebe für Kokosfett zu haben. Sie erklärt ausführlich, was so wundervoll daran ist, spricht von leichterer Verdaulichkeit, wenn es Probleme mit der Fettverdauung gibt und packt es in jedes Rezept (also nicht nur bei Fettverdauungsstörungen). Dass es pflanzlich ist, scheint absolut keine Rolle zu spielen. Und das ist nicht nur in den Kapiteln der Fall, wo es um Hunde und Katzen (und Menschen) allgemein geht. Oft genug lässt sich ohnehin nicht erkennen, was sich nur auf Hunde oder nur auf Katzen bezieht, oder ob sie gerade zum Menschen abschweift. Es fehlt bei den angeführten Beispielen eine genauere Differenzierung („Der Kotabsatz sollte 1-2mal täglich stattfinden.“, S. 110, das mag auf Hunde zutreffen, bei Katzen ist das unter Barf üblicherweise seltener). Auch in den reinen Katzenkapiteln wird ständig Kokosfett verwendet, obwohl für Katzen tierische Fette notwendig sind.

 
Ebenso nutzt sie – wenn Knochen ersetzt werden müssen – vorzugsweise Hirschhornmehl. Das habe ich im Zusammenhang mit Katzenbarf auch nie zuvor gesehen.

Das Interessante hierbei ist nicht der Fakt, dass sie es verwenden möchte, sondern die Dosierung. Bei gesunden ausgewachsenen Katzen, die keine Knochen fressen, empfiehlt sie zwei verschiedene Rezepte. Einmal mit entweder 0,5 g Eierschalenpulver oder 0,8 g Knochen- oder Hirschhornmehl und erwähnt danach, dass das 1 Messerspitze Eierschalenpulver oder 2 Messerspitzen Hirschhornmehl am Tag sind (S. 162). Auf S. 167 steht dann aber 1 Messerspitze Eierschalenpulver oder 1/2 Teelöffel Hirschhornmehl.

Dazu möchte ich anmerken, dass das eine absolut ungenaue Dosierungsform ist und das geht weit über Natürlichkeit hinaus. Je nachdem, um welches Messer es sich handelt, können die Unterschiede sehr groß sein. Und da sie ja Tagesrationen in den Rezepten aufzeigt, summiert sich das im Laufe der Zeit massiv. Zur Ungenauigkeit der Messerspitze kommt nun auch noch die abweichende Größe durch den halben Teelöffel hinzu, denn auch hier variieren die Größen.

 
Dasselbe gilt im Übrigen auch für Eierschale, auch da ist es immer die berüchtigte Messerspitze.

Was aber zum Thema Eierschale noch viel interessanter ist: Ich kann nicht nachvollziehen, wie sie auf die Zahlen kommt.

In all den Rezepten, die hinten im Buch bei den jeweiligen Krankheiten aufgeführt sind, wird entweder gar keine Eierschale verwendet oder es handelt sich um 1 Messerspitze auf die Tagesration für eine Katze mit 4 kg Gewicht (ausgenommen die Kittenrezepte). Vorzugsweise nutzt sie Hirschhorn- und teils Knochenmehl, aber wenn sie Eierschale listet, dann in dieser Form (spannenderweise bekommen gesunde Katzen, die keine Knochen fressen möchten, genauso viel Eierschalenmehl wie CNIchen, was an sich schon unlogisch ist).

Auf der Karte, die auf der Buchdeckelinnenseite zum schnellen und einfachen Einsteig zu finden ist, steht – ebenfalls für eine Katze mit 4 kg Gewicht, also mit denselben Voraussetzungen – eine Menge von 1 gestrichenen EL Eierschalenpulver.

Das hat mich stutzig gemacht, doch da ich selbst seit langem nicht mehr praktisch barfe, habe ich SiRu aus dem dubarfst-Forum um Mithilfe gebeten, diese Angabe mal mit der Feinwaage abzuwiegen. Daraus ist folgendes entstanden:
 
 
drei verschiedene Esslöffel, die nebeneinander liegen, der Untergrund ist eine Schneidunterlage, die anzeigt, wie groß die Löffel in etwa sind (links ca. 22 cm, Mitte ca. 21 cm, rechts ca. 16 cm)
Foto: SiRu

 

  Eierschalenmehl (Lunderland) Eierschalenschrot (hausgeschrotet)
alter EL 13,195 g 21,635 g
moderner EL 12,185 g 19,580 g
Suppentassenlöffel 10,215 g 15,955 g

 
Ich verstehe nicht, wie die Autorin auf diese Angabe gekommen ist, denn sie ist unfassbar hoch. Aus meiner Erfahrung mit einem gebarften CNIchen heraus, hatte ich das bereits vermutet gehabt, aber die Vermutung allein hat mir nicht gereicht. Möglicherweise ist es ein Tippfehler, dass dort „EL“ statt „TL“ steht, aber selbst ein gestrichener Teelöffel überschreitet die sonst erwähnte Messerspitze noch.

Es gibt übrigens fast keine anderen Angaben außer Prozente oder Teelöffel und Messerspitzen. Alles andere findet die Autorin unnötig und kompliziert. Für mich ist bei dieser Einstellung unerklärlich, weswegen sie Lesende mit unzähligen völlig überflüssigen Ausführungen erschlägt. Diese sind zwar bisweilen nice-to-know, entbehren aber jeglicher Notwendigkeit. Außerdem setzt das Einbringen dieser Erklärungen voraus, dass sie korrekt sind. Ebenso sollte auch auf Polemik verzichtet werden, um das Erlernen des Wissens zum Thema Barf zu erleichtern. Ich kann mir kaum vorstellen, wie verwirrend diese absolut überflüssigen Informationen zur ohnehin schon bestehenden Flut an wichtigen Informationen sein müssen – vor allem, wenn es dann teils zu tatsächlichen Widersprüchen kommt (z. B. zwei verschiedene Angaben für die Dosierung von Eierschalenmehl beim Ersatz von Knochen).

 
Aber vielleicht liegt es einfach daran, dass diese Autorin mit dem Buch – so mein Eindruck – ihre Meinung kundtun möchte. Das zeigt sich in ihrer Ablehnung der Schulmedizin (zumindest zu überwiegenden Teilen) und ihrer Überzeugung von Homöopathie, aber auch mit der Erwähnung von Mitochondrientherapie bei CNI (S. 249) (allgemein gruselt mich der gesamte Abschnitt zu CNI). Ebenfalls erwähnt die Autorin in Bezug auf Erkrankungen der Maulhöhle (was die Zähne einschließt) folgendes: „Die Umstellung der Fütterung auf rohes Fleisch ist Grundvoraussetzung jeder Behandlung. Damit können wir einige mögliche, das Immunsystem belastende Faktoren wie beispielsweise Zusatzstoffe im Futter vermeiden. Therapeutisch kann unter anderen Möglichkeiten auch GcMAF (Gc Makrophagen Aktivierender Faktor) verabreicht werden, welcher das Immunsystem positiv beeinflusst.“ (S. 231). Das erwähnte GcMAF kannte ich nicht und wünschte, ich wäre weiterhin unwissend. Das ist alles, was ich in der Rezension dazu sagen möchte.

 
Zusätzlich findet sich im Kapitel „Wenn das Futter auf die Stimmung der Katze schlägt“ folgender Teil: „Massiv verhaltensgestört reagieren Katzen, die unter starkem Juckreiz leiden. Intensives Kratzen und Lecken sowie ruckartige Bewegungen und panisches Flüchten sind Symptome. Wenn keine Parasiten festgestellt werden, sollte die Fütterung überprüft und an eine Futtermittelallergie gedacht werden.“ (S. 256) Als allererstes sollte in so einem Fall eine wirkliche Diagnostik stattfinden (die fällt aber auch bei anderen Erkrankungen in diesem Buch öfter mal unter den Tisch oder erfolgt erst, wenn die Katze so massive Symptome zeigt, dass auch wirklich nichts mehr zu retten ist). Ich hatte eine Katze, die genau diese Symptome aufwies und zwar unter reiner Fütterung von Barf. Nein, nicht nach der Methode dieser Autorin, ich befürchte, dann wäre meine Katze auch viel früher nicht mehr am Leben gewesen, anstatt jahrelang trotz mehrerer Erkrankungen äußerlich völlig gesund zu erscheinen. Die simple Diagnose für all diese Symptome war eine fokale Epilepsie. Das Rolling-Skin-Syndrom sieht ebenfalls so aus. Solche Möglichkeiten werden von der Autorin aber überhaupt nicht angesprochen. Und hier geht es auch nicht um Verhaltensauffälligkeiten (das Bild daneben, bei dem eine Katze wie ein Hahn kräht, spricht da auch sehr negativ für sich), sondern schlicht um körperliche Symptome.

 
Ich möchte noch zwei Themen aus dem Buch aufgreifen, die direkt das Barfen betreffen.

Dabei geht es um die von Barfenden bisweilen kontrovers diskutierten Risiken durch Thiaminase und Avidin im Futter.

Zu letzterem äußert sich die Autorin damit, dass es bei der Verfütterung von ganzen rohen Eiern keinerlei Probleme gibt (S. 91). Tatsächlich ist es nicht ganz so einfach. Bei gesunden Katzen und abhängig davon, wie die Hühner ernährt worden sind, kann es absolut unproblematisch sein, wenn es ab und zu mal ein ganzes rohes Ei gibt. Aber pauschal zu sagen, es ist völlig ungefährlich, ist zu viel des Guten.

 
Ähnlich interessant verhält es sich mit Thiaminase. Die Autorin listet verschiedene Fische, die Thiaminase enthalten oder auch nicht. In beiden Aufzählungen findet sich Makrele (S. 160).

Das ist kein Druckfehler. Nach dem, was ich recherchiert habe, liegt es ganz schlicht an der Art der Makrele. Scomber scombrus enthält keine Thiaminase. Aber Scomber japonicus sollte im Katzenfutter eher gemieden werden. Diese Differenzierung fehlt vollständig.

 
Allgemein kritisiert die Autorin verarbeitetes Futter, möchte dann aber, als es um CNI geht, sogenannte Aminosäurenpresslinge zufügen. Das sind hochaufbereitete Bestandteile aus hydrolisiertem Protein. Bis zu diesem Buch hatte ich von deren Existenz keinerlei Ahnung, obwohl ich mich mit CNI durchaus gut auskenne, auch bzw. vor allem im Zusammenhang mit Barf.

Ich habe das Rezept, das sie bei CNI eingestellt hat, wie auch das ganz allgemeine ohne Knochen unter verschiedenen Aspekten durchgerechnet und mich gruselt es noch immer.

 
Aus meiner Sicht lässt sich mit ihrer Herangehensweise nur eines erzeugen: Krankgefütterte Katzen.

Dies bestätigt sich für mich auch im letzten Satz des Buches: „Ich bin in meiner Praxis mit vielen Katzen konfrontiert worden, die sehr einseitig mit ausschließlich Muskelfleisch ernährt wurden, bei keiner dieser Katze hat sich eines der beschriebenen Symtpome eingestellt, ganz im Gegenteil, die Katzen erfreuten sich bester Gesundheit.“ (S. 265) (ich möchte betonen, dass das keine Tippfehler meinerseits sind, sondern ein exakt übernommenes Zitat)

 

Fazit

Dieses Buch ist das schlimmste, das mir je zum Thema Katzenbarf untergekommen ist (damit beziehe ich mich auch nur auf den Inhalt, der sich um Katzen dreht). Mit all dem Wissen, das ich über die Jahre angesammelt und angewendet habe, mit dem ich in all der Zeit eine an CNI erkrankte Katze gefüttert habe, deren Werte sich nur geringfügig verschlechtert haben, obwohl ich mit Bedarfswerten gearbeitet habe, die laut Autorin so überhaupt nicht passen, und viele andere Katzen im Austausch mitbekommen habe, sage ich ganz klar, dass ich die empfohlenen Rezepte nicht für gesundheitsfördernd halte.

Hinzu kommt, dass ich das Buch unfassbar überteuert finde, ganz unabhängig davon, dass die darin vermittelten Informationen aus meiner Sicht nur sehr eingeschränkt hilfreich sind, um barfen überhaupt zu erlernen. Ein schlichtes Softcover, anderes Papier, das Weglassen der Zeichnungen (denn die Person, die sie angefertigt hat, gehört selbstverständlich auch bezahlt und das schlägt sich im Buchpreis nieder), das Weglassen des Schnelleinstiegs auf der Buchdeckelinnenseite (und damit verbunden das Weglassen der transparenten Einstecklasche dafür) hätten den Preis des Buches auffällig senken können, ohne auch nur ein bisschen an den Informationen einsparen zu müssen.

Ich kann dieses Buch unter keinen Umständen empfehlen. Barfen wird von vielen Menschen, die sich neu damit befassen, als erschlagend empfunden. In diesem Buch finden sich aber unzählige unnötige Informationen, die auf die ganzen wichtigen noch draufkommen. Mit diesem Buch hätte ich jedenfalls nicht gelernt, wie sinnvoll gebarft wird. Investiert das Geld in andere Literatur zum Thema, davon habt ihr eindeutig mehr.

Bis denne ☆

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