Ableistische/saneistische Sprache

Jede:r von uns kennt das vermutlich.
„Wo habe ich denn nur den blöden Schlüssel liegen lassen?“
„Bist du blind?“
„Das war wahnsinnig toll!“
Und jede Menge mehr solcher Äußerungen.

Was das Problem daran ist?
Sie sind ableistisch/saneistisch.

Für mich ist dieses Thema auch noch ein bisschen neu, sollte ich also etwas falsch formulieren, weist mich bitte darauf hin.

Soweit ich es verstanden habe, bezieht sich ableistisch auf die Verwendung von Begriffen, die sich eigentlich auf körperliche Erkrankungen beziehen (vom Englischen abled) und saneistisch auf mentale Erkrankungen (vom Englischen sane).
„Blind“ wäre in dem Fall körperlich. Menschen oder auch Gegenstände sowie Situationen usw. mit Begriffen, die Krankheiten bezeichnen, zu beschimpfen (und es ist selbst im Beispiel mit dem Schlüssel oben eine Beschimpfung) ist ableistisch. Und eben für betroffene Menschen möglicherweise verletzend (dass es welche unter ihnen gibt, denen das egal ist, negiert nicht die Verletzung derjenigen, die es als solche empfinden).
„Wahnsinnig“ ist ein Wort, über das sich bisweilen gestritten wird. Es habe sich so eingebürgert und gilt selbst nicht als Krankheit, aber Wahn tut es eben doch und mit all der negativen Konnotation ist dieses Wort als Verstärker nicht nötig (zumal es gerade dafür sehr viele Ausweichmöglichkeiten gibt: unfassbar, unglaublich, enorm, extrem usw.).

„Toll“ fällt übrigens auch darunter, das ist mir bis vor Kurzem auch durchgerutscht, obwohl es mir seitens der Tollkirsche oder der Tollwut durchaus auch in dem Zusammenhang ein Begriff ist.

Insgesamt begegnet mir ableistische/saneistische Sprache sehr viel. Im direkten Kontakt mit Menschen, wie aber auch online.
Seitdem mir bewusst geworden ist, wie problematisch sie ist, finde ich es wichtig, darauf zu achten. Und ich muss zugeben, dass es mir schwerfällt, nicht jedes Mal darauf hinzuweisen (ich bin sicher, so einige Menschen hätten sehr schnell keine Lust mehr, sich mit mir zu unterhalten, eben weil ableistische/saneistische Sprache in unserem Alltag so normal ist, wenn sie auch nicht normal sein sollte). Ich suche derzeit noch nach dem Umgang für mich, wann ich darauf hinweise und wann ich es unterlasse (es hilft niemandem, wenn andere Leute sich zurückziehen, anstatt zu reflektieren und zu verändern).

Auch ich nutze solche Begriffe noch, ich bin nicht fehlerfrei. Aber ich korrigiere mich, sobald es mir auffällt. Damit ich diese Wörter aus meinem Kopf bekomme, sie aus diesem Normal für mich herausfallen. Das ist nicht immer einfach, aber sehr wichtig, wie ich finde.

Wie ist das bei euch, achtet ihr selbst darauf?
Wie oft stolpert ihr?
Oder ist es euch egal?

Bis denne ☆

Depression, OCD, Anxiety und Corona

Ich hatte eigentlich nie vor, wirklich über Corona zu schreiben. Doch da mir das Thema viel im Kopf umhergeht, tue ich es jetzt doch.

Für mich ist es heute Tag 50, seit ich mit StayHome begonnen habe. Und auch die Kontaktbeschränkungen laufen mittlerweile seit sechseinhalb Wochen, wenn ich mich nicht täusche (mein Zeitgefühl ist bereits völlig im Eimer). „Seit ich mit StayHome begonnen habe“ bedeutet in dem Fall nur, dass ich ab da aus meinem üblichen Rhythmus ausgebrochen bin. Was die erste auffällige Veränderung für mich hinsichtlich meiner Zwänge darstellt.
Und an diesem Punkt kommt für mich auch bereits die erste kleine Auswirkung zum Tragen.

Zwänge zu ändern, ist unglaublich schwierig. Und mein Alltag besteht zum großen Teil aus Zwängen. Aus zwangsartigen Routinen. Eine davon war, an vier festen Tagen in der Woche rauszugehen, meist einen kleinen Einkauf zu machen und an den anderen Tagen zu Haus zu bleiben. Nun gehe ich durchschnittlich höchstens einmal die Woche raus.
Diese Veränderung durchzuführen, war sogar relativ leicht. Was mich nicht gewundert hat. Veränderungen, die von außen herbeigeführt werden, fallen zumindest mir einfacher (ich kann nicht für andere Menschen mit Zwängen sprechen, das gilt für alles, was ich in diesem Beitrag schreibe). Gerade wenn es sich um eine Situation wie die derzeitige handelt.

Allerdings spüre ich bereits jetzt – wo wir noch am Anfang der Pandemie stehen -, dass sich die Auswirkungen für mich später negativ zeigen werden. Ich erlebe das im Grunde bereits jetzt. Und da meine Zwänge eben oft Routinen sind, zu einer Normalität werden, ist es hinterher auch nicht so, dass ich einfach wieder auf das Davor zurückgehen kann. Das heißt in dem Fall, dass ich auch hinterher so selten rausgehen werde. Alles andere wird extrem harte Arbeit werden. So wie jedes Aufbrechen von Zwängen, ohne äußere Notwendigkeit.
Während ich schon Stimmen gelesen habe, was andere tun werden, wenn wir uns wieder sorgenfrei draußen bewegen können, weiß ich jetzt schon, dass bei mir alles schlimmer als vorher sein wird. Ich werde nicht ausgiebig shoppen gehen, mich nicht mit Freunden treffen und sie endlich wieder umarmen. Ich werde weiter so zurückgezogen leben wie jetzt. Und es hat nichts damit zu tun, dass ich „den Teufel an die Wand male“ oder mir das jetzt schon einrede und dann natürlich so ende. Es ist ein Erfahrungswert. Eine Beobachtung aus den vielen Jahren mit Zwängen.

Es fällt mir jetzt schon schwer, rauszugehen. Ich schiebe die Male, an denen ich einkaufen muss, meist so weit ich kann nach hinten. Ich koordiniere sie teils in Hinblick auf andere Termine, die bei mir glücklicherweise derzeit selten sind. Aber wenn ich zu einem muss, dann kombiniere ich ihn mit einem Einkauf, um so selten wie möglich rauszugehen. Einerseits eben, weil ich es in der momentanen Pandemie-Situation für sinnvoll halte (was auch an meinem Wohnumfeld liegt, darauf komme ich gleich noch mal zurück). Andererseits aber auch, weil ich mich hier sicherer fühle. Nicht nur sicher vor Ansteckung, die sehe ich für mich nicht so unglaublich groß, weil ich zumindest von meiner Seite aus die Maßnahmen einhalte, nur mit Maske rausgehe, immer Abstand suche (das habe ich aber schon vorher getan). Es hängt auch damit zusammen, dass ich mich vorher schon zu Haus am sichersten gefühlt habe und die derzeitige Situation verstärkt das nunmal.

Ich wohne in einem sehr großen Haus. Es gibt hier ungefähr 150 Wohnungen. Zwei Aufzüge, ein Treppenhaus, das aber von den Etagen abgegrenzt ist, weswegen ich es nicht gern betrete.
Dieses Haus zu verlassen oder zu betreten, birgt ein größeres Kontaktrisiko als ein Spaziergang.
Im Schaukasten und neben den Bedienelementen der Aufzüge unten hängen Zettel, dass wir Mieter:innen auf den Abstand achten sollen. Der eine Aufzug ist für 13 Personen/1.000 kg zugelassen, der andere für 6 Personen/500 kg. Letzterer ist so der Standard, den ich aus Plattenbauten kenne. Darin können sich derzeit nur Personen aus einem Haushalt aufhalten, denn ein Abstand von 1,5 m ist nicht möglich. Der andere dürfte das zulassen, wenn eine Person bis ganz hinten durchtritt, die andere direkt hinter der Tür stehen bleibt. Das macht es dort also bis zu maximal vier Personen aus zwei Haushalten möglich, wenn diese jeweils vorn und hinten direkt nebeneinander stehen. Dementsprechend schnell kann es zu größeren Wartezeiten kommen (ich hoffe jedes Mal, dass der Aufzug leer ist, wenn er ankommt). Allerdings hält sich nicht jede:r daran.
Ich hatte es gerade bei meinem letzten Einkauf, dass ich bereits in dem kleinen Aufzug stand. Er hielt, davor eine Person. Es gab keine Maske und die Person wollte einsteigen. In mir wallte ganz kurz Panik auf (es fällt mir schwer, Menschen anzusprechen und ihnen dann auch noch eine Abfuhr zu erteilen, umso mehr), doch dann sagte ich nur sehr direkt: „Sie können hier nicht rein.“ Die Person trat zurück, hatte aber eindeutig Verärgerung im Gesicht stehen. Dieses Beispiel zeigt mir, dass es vielen Menschen egal ist. Und solche Konfrontationen sind nicht nur etwas, das derzeit eben gehäuft auftreten kann, vor allem, je öfter ich rausgehe, sondern für mich auch Stress. Es ist mir bislang nur einmal passiert (ich war in der ganzen Zeit acht Mal draußen[1], einmal davon kurz nacheinander, weil ein Teil meines Einkaufs verdorben war und ich den nicht einfach ersetzen konnte), aber ich denke eben auch, dass es daran liegt, dass ich überwiegend hier bin.

Das ist die eine Auswirkung.
Eine weitere wird sein, dass die derzeitigen Abstände verschwinden werden. Sie lassen ja jetzt bereits nach, seit die Maskenpflicht eingeführt worden ist (die meiner Ansicht nach sehr locker von vielen angewendet wird). Aber zumindest an Kassen habe ich bislang positive Erfahrungen beim Einhalten der Markierungen gemacht. Und dies ist ein Punkt, den ich derzeit genieße.
Wenn da keine Streifen mehr auf dem Boden kleben, werden die Menschen wieder an mir kleben. Das hat mich zuvor schon gestört. Das hat mich zuvor gelegentlich nahe einer Panik gebracht. Und nach all dem Abstand jetzt, der eine wundervolle Ruhepause auf dieser Ebene für mich ist, wird das umso schlimmer sein. Und auch das lässt mich wiederum bevorzugt hier bleiben.

Ansonsten erledige ich alle Wege zu Fuß.
Wenn ich nicht weiter von meiner Wohnung weg muss (ich hatte vor einiger Zeit einen Termin, zu dem ich eine Stunde pro Richtung mit den Öffentlichen unterwegs war), laufe ich alle Strecken. Ich kaufe deswegen nicht nur in der direkten Umgebung ein, ich laufe auch 3 – 4 km zum Supermarkt und anschließend mit dem Einkauf zurück. Das ist anstrengend, allein, weil meine Einkäufe jetzt größer sind, wo ich nur noch einmal pro Woche einkaufe, aber es erspart mir die Nutzung der Öffentlichen Verkehrsmittel.

Und dann sind da die Sozialen Medien.
Im Grunde bin ich in meiner Blase recht gut geschützt. Ich umgebe mich mit Menschen, die die Situation mit Sinn und Verstand behandeln.
Aber natürlich bekomme ich auch anderes mit. Teils auch bewusst, indem ich durch Twitter-Trends etc. schaue. Ich glaube nicht, dass mir das schadet, weil ich mich durchaus auch abgrenze. Aber mir das anzuschauen, zeigt mir eben auch ein Stück mehr, was außerhalb meiner Blase so geschieht. Wie Menschen die gefassten Beschlüsse zu Lockerungen erleben (Stichwort: Schulöffnungen).

Es macht mir Sorge zu sehen, wie sich das derzeit alles entwickelt. Das ändert selbstverständlich nichts daran, wie andere Menschen damit umgehen. Ob sie die Maßnahmen für überzogen, für zu gering oder für passend halten. Ob sie sich daran halten oder nicht.
Dennoch sind da eben viele sorgenvolle Gedanken.

Die der Depression, die seit mittlerweile zwei Monaten durchgängig da ist, eben auch immer neues Futter geben. Und da ist eben nichts mit „einfach mal die Gedanken abstellen“. Das ist ohnehin ein so lapidar dahingeworfener Satz, der jeglicher Realität widerspricht. Doch unabhängig davon hilft es mir ja auch nichts, mich komplett vom Geschehen um mich herum abzugrenzen.
Selbstverständlich beobachte ich es, denn diese Änderungen gehen uns alle an. Wenn sie schiefgehen, werden sie sich negativ auf uns auswirken. Tritt das nicht ein … okay, das wäre wünschenswert.

„Geh doch mal mehr raus“ heißt es dann immer, gerade bei Depression.
Nein, das ist nichts, was mir derzeit helfen würde. Im Augenblick würde das alles nur verstärken, weil es eben mit zusätzlichem Stress für mich verbunden wäre.
Deswegen bleibt mir derzeit nichts anderes übrig, als auszuharren und abzuwarten. Genau etwas, das mit der Angststörung erneut schwierig ist. Angststörung – Ängste allgemein – gehen immer mit dem Bedürfnis nach Kontrolle einher. Aber derzeit ist so absolut nichts kontrollierbar. Nichts lässt sich absehen, es kann sich jederzeit alles ändern. Und das erhöht den Stress erneut.
Auch hier gilt für mich, ich versuche nicht allzu sehr darüber nachzudenken, was denn nicht alles kommen könnte, sofern ich es nicht muss. Ich denke nicht darüber nach, ob im Sommer nicht dies oder das oder jenes möglich sein wird, weil nichts planbar ist. Dennoch ist eben das Wissen über die absolute Ungewissheit da und das allein ist ausreichend, um weitere Unsicherheit zu schüren.

Wie geht ihr damit um?
Haben sich Erkrankungen bei euch durch die Situation verstärkt?
Oder ist euch das alles völlig egal?

Bis denne ☆

[1]
Als kleiner Vergleich, nach meinem üblichen Schema wären das inklusive heute (Donnerstag) achtundzwanzig Mal gewesen, Ostern ist mit berücksichtigt.

Die Unzumutbarkeit von Schulöffnungen für Kinder

Ich weiß, nicht jeder wird meine Meinung teilen. Und zumindest ein Teil derjenigen mit anderer Meinung hat auch gute und berechtigte Gründe dafür (wenn nicht sogar alle).

Dennoch verstehe ich nicht, wieso hier in Deutschland bereits so viel die Lockerung der Maßnahmen verlangt wird und mir graut ganz ehrlich davor, dass es geschieht.
Eigentlich hat es ja schon begonnen. Testphase.

Wenn ich mich draußen umschaue, dann sehe ich teils kaum Menschen, die eine Maske tragen (ich verwende diesen Begriff, weil es ja um Mundschutz bereits diverse Diskussionen gab, ob der Begriff gerechtfertigt ist, wenn es sich nur um OP-Masken, selbstgenähte aus Stoff etc. geht, außerdem ist das Wort kürzer). Das schwankt, aber es sind eindeutig zu wenige. Und ebenso gibt es immer noch viel zu viele Menschen, die viel zu wenig auf ausreichend Abstand achten. Sei es im Supermarkt oder in Bahnhöfen – wo es aber auch nicht immer möglich ist – oder sei es aber auch draußen auf den Wegen. Da laufe ich, gehe an den Rand, aber die mir entgegenkommende Person bewegt sich nicht an den Rand auf der anderen Seite, sondern bleibt mitten auf dem Weg. Wenigstens 1,5 m Abstand? Fehlanzeige. Maske? Fehlanzeige.

Ebenso ist mir durch die derzeitige Situation auch bewusst geworden, wie viele Baustellen es gibt. Nicht die großen, sondern gern kleine, gern welche, die nur ein paar Stunden am Tag existieren bzw. immer wieder versetzt werden (ich konnte die letzten zwei Tage vom Fenster aus Bauarbeiten beobachten, bei denen der Fußweg zeitweise ganz oder teils gesperrt war). Diese kann man allein für einen Spaziergang gar nicht planen. „Ich gehe ja nur spazieren und weiche aus.“ Wenn aber genau der Weg zum Park, wo es genügend Abstand gibt, davon betroffen ist, kann man nicht ausweichen. Das ist mein Grund für eine generelle Maskenpflicht zu sein, auch wenn mir bewusst ist, dass es dementsprechend auch ausreichend Masken geben müsste. Allerdings ist die Produktion diesbezüglich am fortschreiten, soweit ich das beobachten kann. Und ich habe bereits zu viele Aussagen gehört, dass Menschen erst dazu greifen, wenn es tatsächlich verpflichtend ist. Die Pflicht ist also anscheinend unumgänglich, denn der gesunde Menschenverstand fehlt mir bei einigen an dem Punkt.

Das als eine Art Einleitung, denn im Endeffekt dürften die meisten, die das hier lesen erwachsen sein und solange es an einer Verpflichtung fehlt, müssen sie die Entscheidung selbst treffen und meine Worte werden dabei vermutlich kein großes Gewicht haben.

Der Punkt, auf den ich eigentlich hinaus will, ist ein ganz anderer.

Aus all den bereits angesprochen und diskutierten Lockerungsmaßnahmen möchte ich mir einen herausgreifen: Die Öffnung der Schulen (und da es ab 30.04. in Berlin auch die Spielplätze betreffen soll, kann ich diese eigentlich auch mit einschließen).

Diese Öffnung soll stufenweise stattfinden, dennoch ist immer wieder die Rede von Einhaltung der Maßnahmen. Dazu zählt der Mindestabstand, dazu zählen die Masken und der korrekte Umgang mit diesen. Und allein da frage ich mich, ob denjenigen, die die Öffnung verlangen, bewusst ist, was sie damit von den Kindern erwarten.

Wer von euch achtet darauf, wie oft si_er sich ins Gesicht fasst? Was si_er vorher berührt hat? Mit der ganzen Hand? Mit nur einem Finger? Wie oft fasst ihr euch unbewusst ins Gesicht?
Ja, unbewusst. Denn das passiert eben sehr viel häufiger als es uns bewusst ist.

Warum ich das anspreche? Weil mein Bewusstsein diesbezüglich verändert ist.
Ich habe im letzten Jahr über meine Ängste geschrieben, die sich um Ansteckung drehen. Vorwiegend um Ansteckung mit Krankheiten, die per Berührung übertragen werden. Und genau deswegen achte ich – sobald ich die Sicherheit meiner Wohnung verlasse – sehr genau darauf, was ich wie berühre, inwiefern ich mir ins Gesicht fasse usw. Und ich weiß daher ebenfalls, wie viel Konzentration und Energie es braucht, genau dies zu tun.

Wie lange könnt ihr euch darauf konzentrieren, das lückenlos nachzuverfolgen? Bei Berührung entsprechend die Hände zu waschen?
Da krabbelt es an der Wange und die Hand geht automatisch ins Gesicht. Derzeit sollte – eben bei Öffnung der Schulen – die Maske sitzen, die man nicht berühren soll, was eben das korrekte sorgfältige Händewaschen nach sich ziehen muss.
Wie lange könnt ihr euch darauf konzentrieren? Und nebenbei noch etwas anderes tun? Denn dafür sitzen die Kinder und Teenager in den Schulen. Sie müssen eigentlich die Konzentration für das Unterrichtsgeschehen aufbringen. Und sollen parallel dazu aber darauf achten, nicht unbewusst etwas anzufassen, sich ins Gesicht bzw. gegen die Maske zu fassen.
Mal wirklich, wie lange schafft ihr das? Lückenlos!

Ich hatte den Vorteil, in das hineinzuwachen. Denn meine Ängste sind gewachsen und damit bin ich stufenweise in diese Aufmerksamkeit gerutscht.
Das ist derzeit nicht möglich. Wenn die Schulen geöffnet werden, müssen die Schüler_innen es sofort beherrschen. Jeglichen Abstand korrekt einzuhalten, die Masken korrekt anzuwenden, dem Unterrichtsgeschehen zu folgen.
Davon, dass es Schulen gibt, die nicht einmal das gründliche Händewaschen ermöglichen, spreche ich dabei noch gar nicht (selbst das Kolleg, in dem ich meinen Volkshochschulkurs besuche (derzeit natürlich nicht) – eine Schule für Erwachsene – hat zumindest im Nebengebäude nur Kaltwasser, aber immerhin Seife).

Warum ich das hier gerade alles schreibe?
Weil ich eben weiß – aus ganz persönlicher Erfahrung heraus -, wie anstrengend es ist, darauf zu achten.
Und ich eben kein Kind bin.
Seit wann können Kinder das leisten, was vielleicht Erwachsene umgesetzt bekommen. Und ja, ich betone dieses eine Wort ganz bewusst, denn auch für Erwachsene braucht das bereits viel Anstrengung. Für Kinder ist so etwas aus meiner Sicht absolut unzumutbar.

(Die erwähnten Spielplatzöffnungen laufen auf dasselbe Prinzip hinaus. Kinder vergessen beim Spielen und das sollen sie auch. Nun sollen sie sich permanent an die Abstandsregeln erinnern, sich nicht ins Gesicht fassen, sich nicht die Strähne aus dem Gesicht streichen, die vom Wind dorthin geweht worden ist, nachdem sie sich am Klettergerüst, an der Schaukel oder woran auch immer festgehalten haben, die vorher von anderen Kindern berührt worden sind. Denn genau das ist es, was der verantwortungsvolle Umgang mit sich bringt.)

Hat jemand von euch ebenfalls Erfahrungen damit?
Traut ihr euch selbst das zu?
Wollt ihr das Kindern zumuten?

Bis denne ☆

Alltag: Depression

TW: Depression

Erinnert ihr euch an das Nichts aus „Die unendliche Geschichte“? Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich nur den Film als Kind mehrere Male gesehen habe, aber das alles verschlingende Nichts ist dennoch hängen geblieben.

Und in so etwas fühle ich mich derzeit gefangen.
Irgendwie mal wieder.
Und irgendwie zum ersten Mal.

Denn ich fühle mich gleichzeitig völlig rastlos.
Das ist für mich auch nichts neues, das war zumindest die letzten fünfzehn Jahre so, nur lange Zeit war ich auch in der Lage, immer was zu tun. Ich war ununterbrochen beschäftigt, was vor allem für meinen Kopf gilt. Körperlich aktiv sein, war nie meins, aber geistige Auslastung war für mich immer wichtig (ich vermute, dass ich deswegen auch nicht gern Filme oder Serien sehe, weil ich dabei zu sehr wegdriften kann und nicht ausreichend Fokus brauche, den mein Kopf benötigt, um ausgelastet zu sein).
Mittlerweile fehlt mir schon seit langem die Kraft, mich auch tatsächlich so zu beschäftigen wie damals.

In manchen Zeiten, in denen ich eher dysthym als tatsächlich depressiv bin, geht es. Da schaffe ich ein bisschen was und komme ganz gut zurecht. Es fällt mir zwar auch dann schwer, mich zu den Dingen aufzuraffen, die mir keinen Spaß machen, aber es geht.
Wenn ich richtig in der Depression hänge – und im Grunde tue ich das seit Mitte November, da gab es die erste schwere Phase, seit einer Woche stecke ich in der nächsten, die noch intensiver ist -, dann lässt auch das fast vollständig nach.
Ich zwinge mich zu manchen Dingen. Ich habe die Verantwortung für meine Katze, ich muss also irgendwie die für sie nötigen Dinge machen. Genauso wie ein paar für mich. Essen ist tatsächlich etwas, das bei mir nicht ausfällt, wie ich das oft von anderen höre. Ich weiß nicht sicher, woran es liegt, vielleicht daran, dass ich sehr regelmäßig essen muss und das seit mittlerweile über fünfzehn Jahren. Aber zu essen bedeutet auch, einkaufen zu müssen. Dazu muss ich mich irgendwie auch zwingen, gleichzeitig schaffe ich das meist als hätte ich auf Autopilot umgeschaltet.

Zurückgezogenheit kennen vermutlich auch die meisten.
Ich bin eigentlich ein kommunikativer Mensch, sobald ich aufgetaut bin oder das Gefühl habe, etwas sagen zu können (ich bin da sehr schnell zu verunsichern). Ich brauche das eigentlich sogar recht viel, eben auch, um meinen Kopf beschäftigt zu halten und nicht über all das Chaos nachzudenken, das darin munter Samba tanzt. Aber unter Depression bin ich nicht in der Lage, Menschen zu kontaktieren. Ich schaffe meist nicht mal, Likes zu verteilen oder Kommentare zu schreiben. Selbst wenn ich Posts lese.

So sumpfe ich also den Großteil des Tages vor mich hin.
Meine Spaßprojekte sind weiter im Rennen, aber momentan auch weniger. Ganz ohne geht für mich nicht, das ist immerhin etwas Gutes, aber längst nicht ausreichend. Zumal ich durch die Müdigkeit, die mit Schlafmangel, Einschlafproblemen, Durchschlafstörungen etc. einhergeht, eben auch gar nicht die Kreativität habe, die ich teils bräuchte.
Womit auch das Thema Schlaf aufkommt, das für mich ein weiteres Problem ist. Seit ein paar Jahren geht es, aber lange Zeit hat sich Schlaf für mich wie Zeitverschwendung angefühlt. Wie viel schöner wäre es, in der Zeit, in der ich im Bett liege, produktiv zu sein? Diese Gedanken hatte ich die letzten Jahre im Griff. Seit ich mich aber auch mit Schlaf überhaupt nicht mehr ausgeruht fühle, kehrt das Gefühl zurück. Wozu die Zeit im Bett verschwenden, wenn ich mich hinterher genauso erschlagen fühle?
Im letzten Jahr habe ich nach vielen Jahren das erste Mal überhaupt wieder ein paar Nächte nicht geschlafen. Wenn ich mich nicht täusche, waren es acht. Auf dieselbe Anzahl komme ich in diesem Jahr allein in den ersten beiden Monaten. Das ist nicht unbedingt geplant gewesen, sondern da hat meine Zwangsstörung mit reingespielt, aber ich bin mir manchmal nicht sicher, ob wiederum unterbewusst nicht doch auch eine Steuerung durch mich läuft (mehr zu meiner Zwangsstörung und nicht zu schlafen findet ihr hier), weil Schlaf eben so sinnlos erscheint.
Stattdessen spiele ich den halben Tag irgendwelche Spiele (vornehmlich Merge Dragons und Sudoku). Nichts Aufregendes, ich habe schon genug Stresshormone in mir, aber immerhin beschäftigt es. Es ist nur überhaupt nicht produktiv und kollidiert dann wieder mit dem Drang, genau dies zu sein. Was noch mehr Unzufriedenheit auslöst. Auch wenn niemand Forderungen an mich stellt (abgesehen von blöden bürokratischen Erledigungen, die die letzten Wochen auch nicht gerade positiv gestaltet haben, aber ich meine eher hinsichtlich dieses Drangs nach Produktivität).

Wenn ich also still bin, dann nicht, weil ihr mir egal seid.
Sondern einfach weil mir die Kraft fehlt.
Und der Antrieb.
Und …

Bis denne ☆

Ich habe keine Lust mehr!

Ich habe keine Lust mehr, mit -Isten zu diskutieren, mich zu rechtfertigen, mich zu erklären, mich zu … egal was.

Ich habe keine Lust mehr, über Alltagsrassismus zu diskutieren, den Menschen nicht erkennen wollen. Es war schon immer so? Witze hat es schon immer gegeben? Dementsprechend müssen Betroffene sie ertragen, wenn sie nicht mit Scheuklappen und Gehörschutz draußen rumlaufen wollen? Falsch! Nicht die Betroffenen müssen etwas an sich ändern, sondern die Rassisten. Und sie können noch so gegen rechts sein. Solange sie rassistische Äußerungen machen, sind sie Rassisten. Ob sie das hören wollen oder nicht. Solange sie mit „stimmt, aber …“ antworten, haben sie nichts verstanden. Und zeigen auch keinerlei Bereitwilligkeit, ihre Äußerungen und Einstellungen auch nur zu überdenken. Das Aber negiert das Stimmt völlig. Da könnt ihr das Stimmt auch gleich weglassen. Wenn etwas nur stimmt, wenn es in eure Denkprozesse, die ihr nicht hinterfragen wollt, passt, dann will ich nicht mit euch diskutieren.

Ich habe keine Lust mehr, meinen Namen zu erklären, ihn zu rechtfertigen, ihn zu verteigen. Es ist mein Name. Er ist kein Gegenstand. Und es interessiert niemandem, wem außer mir er gefällt. Oder ob ein anderer besser gefällt. Den Namen hinterfragt man schon nicht, wenn es sich um den handelt, den jemand von seinen Eltern bekommen hat. Aber den, den sich eine Person selbst ausgesucht hat, respektiert man einfach und fertig. Unabhängig davon, ob man die Hintergründe kennt. Die Hintergründe für die Wahl dieses speziellen Namens oder die Hintergründe, warum diese Wahl für die Person überhaupt wichtig ist.

Ich habe keine Lust mehr, mich ständig erneut zu erklären. Zu hören „ich weiß ja auch nicht, wieso …“, obwohl ich die Gründe bereits mehrfach erläutert habe. Ich bin es leid, das Gefühl zu haben, ich hätte mich auch mit der Wand vor mir unterhalten können. Ich bin es leid, auf diese Weise vermittelt zu bekommen, dass meine Entscheidungen, meine Bedürfnisse …, dass ich nicht akzeptiert werde. Ob das nun Absicht ist oder nicht, ist mir dabei herzlich egal.

Ich habe keine Lust mehr, zu sehen, wie Fans die Entscheidung einer Band infrage stellen und sich darüber beschweren, während die Band sie zum Schutz der Fans getroffen hat. Eine Entscheidung, die monatelange Arbeit und Vorfreude über den Haufen wirft. Die das verschobene Live vielleicht nachholen lässt, aber das Konzept dabei dennoch nicht mehr funktioniert, weil dies nur an diesem einen Tag der Fall gewesen wäre. Wie können diese Menschen sich als Fan bezeichnen, wenn sie hinterher die Band angehen. Ich verstehe Frustration auf die Situation. Aber nicht, diese Frustration an der Band auszulassen, die immerhin selbst davon betroffen ist.

Ich habe keine Lust mehr, dass mein Geschlecht übergangen wird. Ich bin keine Frau. Ich habe es schon einmal gesagt, ich möchte nicht weiblich angesprochen werden (womit ich nicht kritisiere, wenn Fehler unterlaufen, es gibt Menschen, die sich umgehend dafür entschuligen und das ist völlig in Ordnung für mich). Mich interessiert nicht, ob Menschen Gewohnheitstiere sind oder nicht. Ich bin auch eines. Aber es hat etwas mit Respekt zu tun, diese Gewohnheiten nur bei den eigenen Belangen auszuleben, aber nicht bei denen anderer Menschen.

Bis denne ☆

Depression, keine Buch Berlin und Statusupdate

 
Eigentlich stand in meinem Plan für heute der Bericht zur diesjährigen Buch Berlin. Eigentlich. Denn ich bin Ende November nicht auf der Messe gewesen. Obwohl ich bereits ein Ticket hatte.
Grund ist, dass die Depression wieder hallo gesagt hat. Das war ja letztes Jahr bereits ab Anfang Oktober so. Dieses Jahr hat sie sich zumindest bis Mitte November Zeit gelassen.

 
Nach dem Sommer, nach der Tour im Juni (ja, das ist eine ganze Weile her, aber für mich fühlt es sich nicht so lange an) hatte ich gehofft, diesem monatelangen Tief zu entgehen. Ich habe mich mit allem, das ich aus der Tour mitgenommen hatte, sehr gut durch den Sommer und Herbst gebracht. Ich war kein positiver Mensch, das bin ich noch nie gewesen. Da war kein „jetzt wird alles besser“ in meinem Kopf. Aber ich hatte etwas, von dem ich gezehrt habe. Wo ich mir Energie geholt habe. Und im Grunde glaube ich auch nicht, dass das aufgebraucht ist. Es umgibt mich nicht mehr so sehr wie die ersten Monate nach der Tour, aber es ist noch immer da.

 
Vielleicht ist es die Summe der anderen Ereignisse in diesem Jahr, vielleicht auch nicht.
Und vielleicht hängt es auch mit den derzeitigen zusammen.

 
Ich will darauf jetzt gar nicht detailliert eingehen, das habe ich parallel schon immer so ein bisschen vor allem auf Instagram gemacht.
Meine Katze nimmt seit einem Jahr konstant ab. Wir (meine Tierärztin und ich) haben das auch die ganze Zeit beobachtet, kontrolliert, Theorien überprüft usw. Nun gab es ab Ende November diverse Tests, deren Ergebnisse alle mit einem „negativ“ aus dem Labor zurück kamen. Was insofern nicht hilft, dass weiterhin Anhaltspunkte fehlen. Nach Rücksprache der Ärztin mit dem Labor hat es nun doch noch einen Ansatz gegeben, den wir derzeit testen. Wieder Warten. Wieder Ungewissheit.
Ich kann tatsächlich besser mit negativen Diagnosen umgehen, aber habe etwas in der Hand als mit diesem Nichts, während ich zusehe, wie Shiyuu pro Monat 100 bis 150 g an Gewicht verliert und mittlerweile eindeutig untergewichtig ist.
Da war in den letzten Wochen viel Anspannung dabei, das könnte auch dazu beitragen, dass die Depression sich so richtig einnisten konnte.

 
Nun ist der Winter für mich eh schon schwerer, selbst wenn er sonnig ist (was ich derzeit auch nicht behaupten kann), deswegen gehe ich auch nicht davon aus, dass ich aus dem Loch nennenswert rauskomme, bevor es in den Frühling geht.

 
Depression heißt bei mir nicht zwingend, gar nichts zu tun und nur rumzusitzen.
Einerseits sorgt die Zwangsstörung dafür, dass ich viele Dinge trotzdem tue. Denn das muss ich ja. Weil das alles zwanghaft ist.
Als ich letztes Jahr erkannt hatte, dass es sich um eine Depression handelt (denn das hat eine ganze Weile gedauert), fand ich es spannend zu sehen, ob sie meine Zwänge außer Kraft setzen wird. Hat sie nicht.
Das ist vor vier Wochen tatsächlich passiert. Nicht vollständig, aber im kleinen Rahmen. Das hielt aber auch nur ein paar Tage. Und selbst in denen habe ich nicht dem kompletten Bild depressiver Menschen entsprochen.
Ich war – und das ist sehr sehr untypisch für mich – extrem zurückgezogen. Nicht nur, was den direkten Kontakt mit Menschen vor Ort betrifft. Sondern vor allem online. Ich habe tagelang nicht auf Nachrichten geantwortet, was ich normalerweise nie tue. Das war vermutlich auch das Auffälligste. Darüber hinaus habe ich Unmengen gelesen, an meinen Spaßprojekten und anderen Dingen gearbeitet. Meine täglichen Trackings lagen weit höher als an den meisten Tagen. Alles, was so nicht sehr klassisch Depression ist. Aber auch das hielt nur kurze Zeit, schon allein, weil es dann wieder zu viel Belastung war.

 
Ich bin also so halb wieder in dem Zustand von vor einem Jahr zurück.
Ganz weg war er ja nie gewesen, die Kreativität hat ja bis heute nicht so richtig angeklopft, außer bei meinen Spaßprojekten, die aber eben nur für mich sind. Ich habe das schon vor langer Zeit akzeptiert und für mich ist das immer noch besser als gar nichts zu tun. Ab und zu schweifen meine Gedanken zumindest zu begonnenen Projekten, aber richtig daran arbeite ich trotzdem nicht. Das wird vermutlich auch noch eine ganze Weile dauern.

 
Bis denne ☆

Warum wir weniger Binarität brauchen

 
Und warum es mit Gendern allein längst nicht getan ist.

 
Gendern ist wichtig.
Der Differenzierung wegen. Der Diversität wegen. Damit Frauen nicht immer nur mitgemeint sind, wenn das generische Maskulinum verwendet wird.

 
Doch an genau diesem Punkt erschöpft sich das Thema dann auch schon.
Mann und Frau.
Binarität.

 
Nur gibt es eben nicht allein diese beiden Geschlechter, sondern so viele mehr.
Wenn also beim Gendern von Autor_in gesprochen wird, wo sind dann all die nicht-binären Geschlechter?
Sie werden mal wieder nur mitgemeint.

 
Ich kann nicht für alle sprechen, aber zumindest ein Teil von uns fühlt sich eben nicht angesprochen, nicht gemeint, nicht berücksichtigt.
Ich ganz persönlich tue es nicht.

 
Und für mich – und ganz sicher nicht nur für mich – gibt es noch ein ganz anderes Problem.
Ich möchte nicht im binären System von mir sprechen, weil ich nicht in dieses System passe. Ich bin weder Autorin noch Autor. Aber mehr bietet die deutsche Sprache nicht.
Das Gendern ist ein Anfang, doch es ist nach wie vor ausschließend. Nur mitmeinend.

 
Nun ist klar, dass der Wandel weder von jetzt auf gleich noch einfach so passiert.
Doch selbst Ansätze werden im Deutschen ignoriert. Wie dieses Beispiel in einem Twitter-Thread von Alex zeigt. Wobei gerade solche Plattformen und Medien die Reichweite haben, diesen Wandel zu unterstützen.
Stattdessen strotzen sie vor Ignoranz und wir werden wieder ausgegrenzt. Als gäbe es uns nicht.

 
Doch wir sind da.
Wir existieren.
Und wir verdienen denselben Respekt in dieser Sprache wie Mann und Frau auch.

 
Ich will nicht ständig auf Umschreibungen ausweichen müssen, wenn ich über mich spreche. Und ich will nicht umschrieben oder falsch gegendert erwähnt oder angesprochen werden.
Ich will nicht immer nur mitgemeint sein.

 
Dasselbe gilt im Übrigen für die ganzen Bemühungen (die ich nicht falsch, aber eben nicht ausreichend richtig finde) Frauen sichtbar zu machen. Denn erneut fallen alle nicht-binären Geschlechter runter. Sie werden nicht gesehen.
Da werden Listen und Tweets und Instaposts und was auch immer erstellt. Mit Frauen.
Nicht-binäre Personen können nicht eingeschlossen werden. Denn dann werden sie falsch gegendert. Es ist richtig, diese Personen nicht auf diese Listen zu setzen. Aber es macht sie unsichtbar.

 
Warum kann es nicht einfach um Menschen gehen? Und sie mit neutralen Begriffen bezeichnet werden?
Ich weiß, dass es darum gehen soll, weg von der führenden Maskulinität zu kommen. Weg vom generischen Maskulinum. Weg davon, dass Männer an vielerlei Stellen bevorzugt werden, weil wir uns in einem Patriarchat befinden. Und ich stimme diesem Grundgedanken zu.
Doch die Umsetzung sollte nicht schon wieder ausgrenzen und nur eine weitere Gruppe berücksichtigen.

 
Sie sollte alle einschließen. Egal welchen Geschlechts. Egal welcher Ethnie. Egal welches Äußeren. Egal welcher sexuellen Orientierung. Egal wessen auch immer. Es sollte einfach nur um Menschen gehen.

 
Bis denne ☆

Missbrauch durch elterlichen Narzissmus

 
TW: Narzissmus, Kindesmissbrauch

 
Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich zu diesem Thema jemals öffentlich schreiben werde.
Eigentlich will ich es, wollte es vermutlich genauso lange, wie ich gehadert habe.
Doch zugleich war da immer dieses Zögern. Denn heute geht es nicht nur um mich.
Es betrifft das gesamte Konstrukt, das gesellschaftlich als Familie bezeichnet wird. Nur im engeren Sinn, also Eltern, Geschwister.
Und das Thema elterlicher Narzissmus.

 
Vorweg möchte ich zwei Dinge anmerken.
Ich habe keine Ahnung, ob irgendjemand aus meiner Familie überhaupt von der Existenz dieses Blogs weiß und wenn ja, hier auch liest. Wenn ja, dann werden sich hier wohl Antworten finden, die auf direkterem Wege zu geben ich nicht in der Lage bin. Ich weiß, dass es gewünscht wird. Und dass ich es abgelehnt habe. Mich würde daher nicht wundern, wenn das, was ich hier jetzt tue, mit „schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit waschen“ assoziiert wird. Was nicht meine Intention ist. Aber ich bin auch nicht mehr bereit zu schweigen. Nur um Menschen zu schützen, während ich jahrelang gelitten habe. Kaputtgegangen bin.
Die andere Sache ist, ich weiß nicht, ob es sich bei allem um eine tatsächliche narzisstische Persönlichkeitsstörung handelt oder es „nur“ starke narzisstische Akzentuierungen der Persönlichkeit sind. Ich werde von Narzissmus reden, weil das eine Wort weniger sperrig als ständige Umschreibungen sind. Die Auswirkungen für mich sind ohnehin dieselben. Und darum geht es im Endeffekt.

 
Ich bin unter einer narzisstischen Mutter aufgewachsen.

 
Ich bin mittlerweile Ende 30 und weiß wissentlich von der Narzissmus-Problematik seit ungefähr eineinhalb Jahren Bescheid. Davor wusste ich nur lange Zeit, dass so einiges nicht wirklich ist wie es sein sollte.
Vielleicht habe ich das schon früh gespürt, ich weiß es nicht.
Es gibt definitiv Erinnerungen an die Zeitspanne meiner Jugend. Zumindest betrachte ich „sich wie das fünfte Rad am Wagen fühlen“ nicht als das, wie es in einer Familie sein sollte.
Ganz eindeutig wusste ich es, als ich rausgeworfen wurde, als ich Kritik geäußert habe. Damals war ich 24. Und in all den Jahren danach sah meine Beschreibung so aus: Oberflächlich stehen wir füreinander ein. Aber irgendwo tiefer ist etwas, das nicht stimmt.
Ich habe über die letzten zwölf Jahre verteilt in meinem digitalen Tagebuch Einträge von Situationen, die ich mit dem jetzigen Wissen anders beurteile als damals. Oder vielleicht auch nicht. Damals war irgendwas unfair, stimmte nicht. Jetzt sehe ich da eindeutig narzisstische Aspekte.
Aus meiner gesamten Kindheit und Jugend gibt es nicht einen festgehaltenen Hinweis. Ich habe mit 10 mein erstes Tagebuch bekommen, doch nirgends etwas festgehalten. Gar nichts über Familie. Weder Positives noch Negatives. Über die Zeit, als damals mein Interesse an Jungs begann. Über Musik, vor allem Konzerte. Aber das wars.

 
Aber ich versuche mal einigermaßen der Reihe nach vorzugehen.
Ich bin das älteste von drei Kindern. Geboren in der ehemaligen DDR, bereits in Berlin. Aufgewachsen erst „in der Stadt“, was die Altbaugebiete meint und als ich gerade 5 war, ging es raus in die neu gebauten Randgebiete. Wir waren mittlerweile zu fünft und brauchten dringend eine größere Wohnung. Meine Eltern waren beide berufstätig, ganz typisch „im Osten“. Soweit ich weiß, bin ich bereits mit sechs Monaten in die Kinderkrippe gekommen, mit 3 gabs den Wechsel in den Kindergarten, mit knapp 7 folgte die Einschulung. Die Rollenverteilung bei meinen Eltern war klassisch, mein Vater handwerklich versiert, Mutter für Haushalt und Kinderbetreuung zuständig, Erziehung lief mehr oder weniger gemeinsam. Als ich eineinhalb war, musste mein Vater für eineinhalb Jahre zur NVA, in der Zeit war ich also hauptsächlich mit Mutter allein, hinsichtlich Familie. Verwandtschaft gab es in Berlin keine, meine Eltern stammen beide nicht von hier.

 
Ich kann nicht sagen, ich hatte eine super schlimme Kindheit oder Jugend. Ich bin nicht permanent überwacht worden. Ich durfte Freunde haben. Wurde nicht an Schulleistungen gemessen.
Und da rede ich von Narzissmus?
Ja. Eine sehr subtile Form. Die es sicher auf so mancher Ebene leichter gemacht hat. Ich bin durchaus dankbar, dass ich Privatsphäre erleben durfte. Freunde treffen durfte. In den Arm genommen wurde. Für eine 2 in der Schule nicht als dumm bezeichnet wurde (okay, ich war die einzige Person, die überhaupt auf dem Gymnasium war und das nicht nur in diesem Familienteil, auch was meine Cousinen und Cousins betrifft, bin ich die einzige, aber ich bin sicher, dass das keine Rolle gespielt hätte, wäre alles weniger subtil gewesen). Der Nachteil daran ist allerdings, dass alles viel weniger auffällig ist. Es wird nicht gesehen. Und ich bin sicher, jeder, der meine Familie kennt, wird auch jetzt noch keine Probleme darin sehen. Die schaffe derzeit nur ich, seit ich mich schütze und damit alles an diesem Konstrukt zum Einsturz bringe.

 
Ich kann nicht sagen, wann mir das erste Mal bewusst war, dass etwas falsch ist.
Denn lange Zeit hat sich alles normal angefühlt. So, wie ich es aus Filmen und Büchern, aus Erzählungen anderer kannte. Mutter hat mich als Kind versorgt, wie eine Mutter das zu tun hatte. Füttern, wickeln, baden, spielen/beschäftigen. Ich bekam nicht jeden Wunsch erfüllt, aber ich glaube auch nicht, dass einem Kind das zugute kommt, wenn dem so ist. Ich habe Regeln und Grenzen kennengelernt und laut der Erzählungen war ich von uns drei Kindern in der Hinsicht am folgsamsten, am einfachsten. Ob das nun nur an meiner Persönlichkeit lag, weiß ich natürlich nicht.

 
Vielleicht war es in meiner Jugend.
Denn zumindest spätestens da muss das Gefühl entstanden sein, das fünfte Rad am Wagen zu sein. So habe ich mich damals teilweise gefühlt. Und so fühle ich mich bis heute. Nicht immer, aber es kommt vor.
Meine Eltern haben sich früher viel gestritten. Oft ging es dabei um die Erziehung meines Bruders und sie waren unterschiedlicher Meinung. Anders als heute ist mein Vater früher regelmäßig allein zu meiner Oma gefahren, ich vermute zu einem gewissen Teil aufgrund dieser Auseinandersetzungen, aber vorrangig wird es an unserem Alter gelegen haben – wir waren zu jung, um übers Wochenende allein zu bleiben. Auf jeden Fall sind es diese Wochenenden, die mir in der Hinsicht in Erinnerung geblieben sind. Ich war schon immer zurückgezogen, brachte meine Zeit viel in meinem Zimmer zu (und damals war noch nichts mit PC, geschweige denn mit Internet). Ich habe gelesen, gestrickt, gehäkelt, irgendsowas. Musik gehört. Ganz eindeutig Musik gehört. Tage später saßen wir in der Familie zusammen, sei es beim Essen oder in anderen Situationen und es fielen Aussagen zwischen meinen Geschwistern und Mutter. Ich wusste nicht, worum es geht und habe nachgefragt. Die Antwort von Mutter sah in etwa wie folgt aus: Na, das habe ich doch dann und dann erzählt. Und ich dachte: Ist dir aufgefallen, dass eines deiner Kinder nicht dabei war?
Das war in meiner Jugend.

 
Wie sehen solche Familien eigentlich aus?
Für gewöhnlich gibt es einen, vielleicht sogar zwei narzisstische Elternteile (in letzterem Fall kämpfen beide ständig um die Dominanz, weil Narzissten Macht brauchen). Ist es nur einer und die Beziehung mit der_m Partner_in bleibt bestehen, tut diese_r eines: si_er enabled (ich werde mich hier des Öfteren auf das englischsprachige Vokabular stützen, weil darüber einfach mehr Informationen zu finden sind und ich überwiegend englischsprachige gelesen habe). Wie, das ist vielfältig. Manche Partner_innen nehmen stillschweigend hin und halten sich überwiegend raus. Andere verteidigen sofort, beschuldigen das/die Kind/er vielleicht sogar und unterstützen den narzisstischen Elternteil damit aktiver.
Außerdem gibt es das sogenannte Golden Child und Scapegoat(s). Letztere können sich auf mehrere Kinder (und/oder di_en Partner_in) beziehen, müssen es aber nicht.

 
Was ich mit Sicherheit sagen kann: in dem Konstrukt meiner Familie ist mein Bruder das Golden Child. Besser ist er damit auch nicht dran, auch wenn es erstmal so klingt, eigentlich sogar noch schlimmer. Da sich alles auch nicht so intensiv auf ihn auswirkt, sondern subtil bleibt, wirkt es aus meiner Sicht für ihn nur sehr positiv, bleibt aber ebenso schädlich. Andere Golden Children dagegen sind von ihren narzisstischen Elternteilen ebenso erdrückt, belastet usw. wie die Scapegoats es sind, weil in diesen Familien die Golden Children die perfekten Vorzeigekinder sind (Stichwort: Alanis Morissettes „Perfect“).
Mich als Scapegoat zu bezeichnen, ist richtig, auch wenn es mir durch die Subtilität schwerfällt (genau das ist eines der Probleme daran, es löst immer und immer wieder Zweifel und Schuldgefühle aus).
Es wird immer mit zweierlei Maß gemessen, zumindest was meinen Bruder und mich betrifft (doch auch darüber hinaus), die Rolle meiner Schwester kann ich nicht richtig einstufen.

 
Ich denke am prägendsten war tatsächlich der Rauswurf.
Damals bin ich gerade bei meinen Eltern ausgezogen. Wir hatten am Vortag so ziemlich alles in meine Wohnung gebracht, viel war es nicht. Es lief nicht alles nach Plan – wann tut es das schon – aber die Verzögerungen hielten sich in Grenzen, insgesamt haben wir geschafft, was wir schaffen wollten. Mutter war allerdings komplett angefressen, wie sie es immer ist, wenn etwas nicht so läuft, wie sie es sich vorgestellt hat und ihre Wut dann auch an jedem um sie herum auslässt.
Am nächsten Tag sollte es noch einmal in meine Wohnung gehen und ich hörte, wie sie im Nebenzimmer nach dem Frühstück zu meiner Schwester sagte, dass sie eigentlich gar keine Lust hat, sie hätte noch vieles anderes zu tun. Und das nicht nur als Äußerung, sondern da war weiterhin diese schlechte Laune, schon beim Essen. Ich bin am Abend zuvor vollständig ignoriert worden, ob das für den Morgen auch noch galt, weiß ich nicht mehr.
Und ich hatte die Nase voll. Den gesamten Tag zuvor hatte ich das stillschweigend hingenommen. Ich war 24. Ich war erwachsen. Und ich sagte ihr den Spruch, den ich mein ganzes Leben in solchen Situationen von ihr zu hören bekommen hatte: Wenn du so drauf bist, will ich dich nicht dabei haben.
Womit ich eine Grenze überschritten habe. Ich kann nicht mehr sagen, wie sie sich mir gegenüber geäußert hat. Außer, dass ich undankbar bin. So gut ich konnte, habe ich ihr erklärt, was ich meinte (ich kann in solchen Situationen nicht gut reden, weil sich mein Hals zusammenzieht). Sie tat es ab (auch ein ganz typisches narzisstisches Verhalten). Als ich ins Spiel brachte, dass auch mein Freund das geäußert hätte, waren wir ihrer Ansicht nach beide zu empfindlich. Und als sie merkte, dass ich nicht klein beigebe, sagte sie, ich solle ihre Wohnung verlassen und erst wiederkommen, wenn ich mich entschuldigt habe.
Nun ist das allein schon schlimm genug. In einem Streit, in dem ihr die Argumente ausgingen und sie dennoch ihre Machtposition mir gegenüber verteidigen musste, hat sie mich rausgeworfen.
Aber, da war ja noch diese andere Situation.
Einige Zeit zuvor saß mein Vater mit einem Kumpel in der Wohnung meiner Eltern an einem Vormittag am Wochenende, sie schauten sich ein Formel-1-Rennen an. Wie bei beiden üblich, tranken sie dazu ein Bier und etwas Schnaps. Die Tochter des Kumpels war mit meiner Schwester befreundet und deswegen auch in der Wohnung. Und sie bezeichnete beide – ihren eigenen Vater wie auch meinen – als Alkis. Worauf mein Vater sie der Wohnung verwies. Ich kann nicht sagen, ob der Alkohol mit reingespielt hat, denn wie ich ihn einschätze, hätte er das damals auch im komplett nüchternen Zustand getan. Mutter befand sich zu dem Zeitpunkt nur im Nebenzimmer und kam auf die Aufforderung meines Vaters hinüber und sagte, dass aus ihrer Wohnung niemand herausgeworfen würde.
Und mit dieser Situation wiegt mein eigener Rauswurf noch einmal viel schwerer. Es geht nicht darum, dass niemand rausgeworfen wird. Das passiert nur nicht, solange Mutter nicht das Ziel von Kritik ist. Ist sie es, dann kann sie ihr eigenes Kind rauswerfen. Ist jemand anderes Ziel der Kritik, dann darf selbst eine familienfremde Person nicht der Wohnung verwiesen werden. Womit sich das Messen mit zweierlei Maß ein weiteres Mal zeigt.

 
Zusätzlich kommt dann noch die Zeit um den Beginn des letzten Jahres ins Spiel. Mein Bruder hat seine Wohnung nach einer Trennung renoviert. Seine Zeitverhältnisse zu der Zeit waren nicht anders als meine zu meinem Auszug (unsere Lebenssituationen sehr unterschiedlich, aber die zur Verfügung stehende Zeit eben nicht). Dennoch benötigte er dreieinhalb Monate, bis er fertig war. Ich dagegen hatte gut einen Monat gebraucht, obwohl ich damals meine Wohnung komplett renovieren musste (bedeutet alle Wände tapezieren und streichen, das hatte ich mit der Vermietung so ausgehandelt, weil ich dadurch knapp einen Monat mietfrei rein konnte und ohnehin keine einfach weißen Wände haben wollte, dafür würden sie eben nicht renovieren). Also auch hier hat sich der Aufwand nicht nennenswert unterschieden. Bei mir war Mutter damals nach der Zeit schon der Meinung, das dauert alles ganz schön lange. Bei meinem Bruder letztes Jahr sagte sie nur: „Er ist halt gründlich“.

 
Wenn sich je jemand fragt, weswegen ich ein extrem hohes Bedürfnis nach Gleichbehandlung, Fairness und all dem habe, da ist die Antwort. Warum ich schwer und nie vollständig vertrauen kann, auch da spielt das mit hinein. Warum ich ebenfalls ein sehr hohes Bedürfnis nach Ehrlichkeit habe, auch das findet sich über all diese Situationen. Warum ich extrem auf Ignoranz reagiere? Deswegen (wobei ich durchaus auch zu Ignoranz neigen kann, aber dann existiert auch keine Freundschaft (mehr) oder sie hat nie bestanden).

 
Diese ganze Rauswurf-Situation fand damals im November statt (ja, ich kenne auch noch das genaue Datum, aber ich verschone euch damit).
Ich bin direkt aus der Wohnung raus, weil Mutter keinerlei Argumentationsversuche mehr zuließ, sondern nur wiederholte, dass ich gehen soll und erst wiederkommen dürfe, wenn ich mich entschuldigt habe. Draußen habe ich meinen Freund angerufen und er kam, ging in die Wohnung und holte erstmal noch meine restlichen Sachen, die ich zum Übernachten dabei gehabt hatte. Ich war so schnell draußen gewesen, eine Weile später rief mein Vater mich an, weil er komplett verwirrt war, was da eigentlich geschehen war.

 
Bis Weihnachten habe ich die Wohnung nicht mehr betreten. Ich durfte mittlerweile zwar theoretisch wieder, glaube ich, aber das weiß ich nicht mehr sicher. Ich weiß aber, dass ich Weihnachten kommen durfte, so als wäre etwas anderes ohnehin nicht denkbar gewesen (obwohl ich mich bis heute nicht entschuldigt habe, ich fand ihre Forderung danach schon damals unangemessen, im Zusammenhang mit ihrem Verhalten am Vortag). Der nächste typische Punkt für Narzissten: Sie reagieren drastisch, aber sie brauchen auch ihre Opfer, um sie auszusaugen, Narzissten werden immerhin auch als Energievampire bezeichnet. Es wächst also meist recht schnell Gras über die Sache, solange die Gegenseite das mitmacht. Und das habe ich getan. Über sehr viele Jahre. In denen ich keine Kritik mehr geübt habe. Manchmal gab es den Ansatz, aber nie so weitreichend wie damals.

 
Beispielhaft ist hier mal eine der Situationen, die ich in meinem digitalen Tagebuch festgehalten habe, besser spät als nie, denke ich jetzt, denn bis ich sie im letzten Jahr dort wiederentdeckt habe, hatte ich sie aus meiner Erinnerung gestrichen: Einmal gab es eine Situation, da habe ich mit Mutter telefoniert und sie war mit einer Reaktion von mir nicht zufrieden und hat einfach aufgelegt. Das hätte ich mir mal erlauben sollen, wären unsere Rollen vertauscht gewesen. Da war ich übrigens bereits Mitte 30. Da damals der Akku des Telefons meiner Eltern auch immer nur sehr kurzlebig war, habe ich erst gewartet, weil bei so einem Zusammenbruch der Leitung meine Eltern sich normalerweise wieder gemeldet haben, aber als nichts kam, habe ich wieder angerufen. Ich sagte ihr, dass sie plötzlich weg gewesen war und sie antwortete mir ganz direkt, dass sie aufgelegt habe. Weil ihr mein Ton nicht gepasst habe. Und danach plauderte sie munter weiter, obwohl ich ganz still geworden war. Selbst auflegen konnte ich nicht. Denn dann könnte es ja passieren, dass sie mich quasi wieder rauswirft.

 
Das ist damit nämlich passiert: Ich hatte Angst. Ich hatte über viele Jahre beständig Angst davor, was ich zu Mutter sagen darf und was nicht.
Denn ich war abhängig von ihr. Was ja bei den toxischen Beziehungen, die narzisstische Menschen mit sich bringen, sehr typisch ist.
Eigentlich war ich alt genug und hätte mich jederzeit lösen können müssen, aber dem war eben nicht so. Einerseits weil es schon schwer ist, vor allem, wenn man nicht erkennt, was genau schiefläuft. Andererseits weil es sich eben um die Mutterperson handelt. Da spielt weit mehr als die theoretische Bindung zwischen Mutter und Kind mit rein, da kommt die ganze Gesellschaft hinzu, die Medien. Ich wusste, dass da was nicht stimmt. Es hat mich über Jahre immer wieder geärgert, dass ich nicht ich sein darf, ohne zu riskieren, wieder so behandelt zu werden. Und für mich war das die schlimmere Vorstellung. Also habe ich geschwiegen. Während Mutter immer erzählt hat, dass man ehrlich sagen können solle, wenn etwas nicht passt. Sobald es um andere Menschen ging. Ging es um sie, war es eben nicht möglich.

 
Als ich 2014 mit der Dysthymie konfrontiert wurde und das Beispiel von Frau A gelesen habe, habe ich natürlich auch in Gedanken gesucht, wo bei mir der Auslöser liegen könnte. Eine alleinerziehende Mutter hatte ich nicht gehabt. Aufmerksamkeit und Beachtung als Belohnung für Unterstützung ist bei mir auch nicht gerade ein Zugpunkt. Aber ich entwickelte die Überlegung, ob mein Status als erstgeborenes Kind reinspielen könnte. Dass ich quasi eifersüchtig auf die Geburten meiner Geschwister reagiert habe. Damit wäre Mutter auch irgendwo der Grund gewesen, nämlich weil sie mir weniger Aufmerksamkeit geschenkt hat als zuvor. Weil ich sie teilen musste. Schuld wäre aber ich gewesen, denn was kann sie dafür, wenn ich mit dem Teilen nicht umgehen kann. Ich habe mich unzählige Nächte in den Schlaf geweint, weil ich dachte, ich kann doch die Person, die meine Mutter ist, nicht verantwortlich machen, so etwas geht doch nicht. Sie ist doch eine Mutter.
Das entsteht vor allem aus dem Gesellschaftsdruck heraus.

 
Dann kam dieser Tag in meiner ehemaligen Therapie.
Ich hatte zu dem Zeitpunkt einige Nachrichten mit einem Menschen ausgetauscht, die mich und mein familiäres Umfeld betrafen und dort stand noch eine Antwort aus, wozu die Person zu dem Zeitpunkt nicht in der Lage war. Ich hatte eine andere Vermutung als es tatsächlich war, was dem zugrunde liegt, aber egal, was die Ursache war, es war okay.
Bis eben zu diesem Mittwoch.
Meine Therapeutin und ich sprachen ein paar Situationen genauer durch. Und auf eine sagte sie: Das ist aber ein ganz schön stark narzisstisches Verhalten [seitens Mutter].
Und in meinem Kopf machte es klick. Die ausstehende Antwort dieser einen Person stand plötzlich in einem ganz anderen Licht und fügte sich perfekt ins Bild.
Noch am selben Abend habe ich sie gefragt, ob das was mit dem Thema Narzissmus zu tun hat und die Person bestätigte mir dies.

 
Ich wusste damals nicht viel über Narzissmus. Nur, dass er toxisch ist und ein Loslösen absolut notwendig. Und genau das tat ich, von einem auf den anderen Tag. Diese Erkenntnis war der Antrieb, der mir all die Jahre gefehlt hatte.

 
Es vergingen Tage, Wochen, Monate, in denen ich immer wieder gelesen und mich ausgetauscht habe. Nicht ununterbrochen, dafür ist das Thema viel zu emotional für mich (ich schreibe diesen Beitrag hier auch in teils sehr kurzen Etappen, um nicht zu tief darin zu versinken). Tage, Wochen, Monate, in denen ich den Abstand aufrechterhielt. In denen meine Therapeutin mich nicht verstehen konnte, warum ich das Mutter gegenüber nicht kommuniziere. In denen meine Therapeutin mich bedrängte, Mutter zu sagen, warum ich distanziert bin, denn es fühle sich echt bescheiden an, wenn plötzlich der Kontakt weg ist und man nicht weiß, wieso. Ja, das glaube ich, es ist dennoch meine Entscheidung und Druck von außen hilft nicht. Es hat dazu geführt, dass ich die wenigen letzten Sitzungen jedes Mal auch davor Angst hatte, dass es wieder dazu kommen würde, dass besagte Therapeutin mich bedrängt (und ja dann endgültig in dem Tränentelefonat endete, das ich schon einmal erwähnt hatte und bei dem ich die narzisstischen Muster erkennen konnte, weil ich die Monate zuvor viel gelesen hatte).

 
Ich wusste sogar ziemlich schnell, dass ich den kompletten Kontaktabbruch möchte, dass ich ihn brauche. Aber ich wusste nicht, wie ich das vermitteln soll. Ich habe insgesamt wenigstens ein Jahr gebraucht, ihn umzusetzen, aber mittlerweile liegt dieser Schritt hinter mir. Durch einen sehr kurzen Brief, ohne ausführliche Erklärungen. Weil ich das eben nicht konnte. Es ist etwas anderes, das direkt zu adressieren oder hier allgemein über meine Erfahrungen zu erzählen. Für mich zumindest.
Ob andere Menschen das verstehen, weiß ich nicht. Aber das spielt keine Rolle. Es muss hier gerade nur um mich gehen. Nicht um andere zu verletzen, sondern weil ich kaputt bin und auf mich achten muss. Mich schützen muss.

 
Wenn man sich die meisten Informationen zu Narzissmus anschaut (ob nun elterlich oder auch auf anderer Beziehungsebene), sind die Anzeichen weit auffälliger. Das habe ich auch auf der Seite Daughters of Narcissistic Mothers festgestellt. Auf dieser Seite habe ich wohl am meisten gelesen. Allein die ausführliche Auflistung der Charaktereigenschaften war für mich erschlagend. Und doch habe ich anfangs bei den meisten von ihnen gezögert, weil kaum etwas so plakativ auf mich zutraf (außer Punkt 23). Doch je öfter ich die Texte gelesen habe (und das war bei der Menge nötig), habe ich doch Situationen erkannt, oft eben nur viel subtiler. Mal wieder. Insgesamt bin ich bei 16 der 24 Punkte, zu denen ich Beispiele finde. Manchmal sehr klein und für sich allein wären sie längst kein Anzeichen für Narzissmus oder eine starke narzisstische Persönlichkeitsakzentuierung. Aber die Summe hat den Schaden verursacht.

 
Und auch wenn ich mir sehr sicher bin, dass so ziemlich jeder im Umfeld mir nicht zustimmen würde, Erklärungen, Entschuldigungen und was auch immer finden würde, kann ich das nicht länger ertragen. Ich habe das viel zu lange getan. Deswegen bin ich gegangen. Und ich wünsche mir, dass dem ganzen mehr Beachtung geschenkt wird. Im realen Leben wie auch in den Medien. Narzissmus ist nicht immer klar offensichtlich und kommt mit Pauken und Trompeten daher, er kann auch sehr unterschwellig auftreten. Gerade diese Repräsentation in Medien halte ich für wichtig, damit Menschen dafür sensibilisiert werden können.
Hinzu kommt, dass in meinem Fall nicht der Vater der narzisstische Elternteil war, sondern die Mutter. Eine Mutter, die ihren Kindern schadet, die sie misshandelt, sowas ist in unserer Gesellschaft noch immer ein Tabuthema. Und sollte gerade deswegen viel stärker repräsentiert werden. Dabei rede ich nicht von vorsätzlichem Missbrauch, der tritt bei Narzissten wenig auf. Es geht selten um das Vorhaben, den anderen zu schaden. Und ich weiß ebenfalls, dass Mutter eine schwierige Kindheit und Jugend hatte. Aber so schlimm das ist, ändert es nichts daran, dass mich ihr Verhalten kaputtgemacht hat. Und wie gesagt, es muss hierbei um mich gehen.
Ein weiterer Grund für die immer wiederkehrenden Zweifel ist also der gesellschaftliche Druck, eine Mutter immer zu lieben, sie zu ehren. Sie hat es ja nicht absichtlich getan. Genau das ist eine dieser Entschuldigungen/Rechtfertigungen, die alles, was Opfern von elterlichem Narzissmus angetan wurde, relativiert, den Missbrauch abspricht. Der aber stattgefunden hat. Und im schlimmsten Fall sehen Menschen wie ich sich damit konfrontiert, dass sie alles zerstören, indem sie aus diesem toxischen Konstrukt ausbrechen. Ich musste mir diesen Vorwurf bislang nicht direkt anhören. Ich habe keine Ahnung, ob er in irgendwelchen Köpfen gedacht wird. Ich habe bislang nur endlose Rechtfertigungen und Entschuldigungen erzählt bekommen, warum diese oder jene Situation so gewesen sein wird. Und abstruse und teils an den Haaren herbeigezogene Vergleiche, wie sich das für Mutter anfühlen muss. Aus Sicht einer Mutter.
Noch mal, es geht hier um mich. Warum wird Opfern immer noch erzählt, sie sollen doch Verständnis für die Täter haben? Nein! Das ist die einzig richtige Antwort. Und dementsprechend handele ich. Das muss niemand anderes tun, das erwarte ich von niemandem. Was ich erwarte, ist Akzeptanz, Toleranz und Respekt hinsichtlich meiner Entscheidungen.

 
Nela hat hat die Aktion [Writing] About Us ins Leben gerufen und ich möchte diesen Beitrag dazu beisteuern.
Zu ähnlicher Thematik wie meine Erfahrungen gibt es einen Beitrag von Nela selbst „Kindesmissbrauch durch die Mutter“ und einen von Serenity „Kindesmissbrauch durch die Eltern“. Beiträge zu anderen Themen finden sich ebenfalls auf [Writing] About Us.

 
Bis denne ☆

Wenn das Innere leidet

 
TW: Depression, Tod, narzisstisches Verhalten

 
Der heutige Beitrag fällt mir unglaublich schwer. Und trotzdem schwirrt er mir seit vielen Wochen immer wieder im Kopf umher, möchte heute, genau heute, heraus, also lasse ich ihn. Ich weiß weder, ob ich meine Gedanken verständlich äußern kann, ob der Text ein reines Chaos wird oder ob jeder, der sich hier durchwühlt, sich wünschen wird, es nicht getan zu haben.
Was ich sicher sagen kann, das hier sind meine Erfahrungen, meine Empfindungen, keine Verallgemeinerungen.

 
Was ist am heutigen Tag so besonders?
Heute vor neun Jahren hat ein ganz besonderer Mensch mein Leben verlassen.
Dabei geht es um meinen Ex-Freund. Und nein, er hat an diesem Tag nicht unsere Beziehung beendet, das hatte ich bereits einige Jahre zuvor getan. Das Verlassen ist viel endgültiger gewesen, unwiderbringlich.
Und damit hat sich mein Leben völlig verändert. Nicht sofort, denn die Anfangszeit bestand aus einer sehr kurzen Auszeit vom Job, es folgte eine eher arbeitsreiche Phase, Ablenkung war genau das Richtige, bis zu dem Punkt, an dem ich meinem Körper zugestehen musste, mich auszuruhen. Selbst da habe ich nicht gemerkt, dass dieses Ereignis viel tiefere Spuren in mir hinterlassen hatte – aber wie hätte ich das auch können? Trauer ist normal, braucht je nach Mensch unterschiedlich viel Zeit, aber das Leben geht ja weiter.
Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste – gar nicht wissen konnte -, dieses Ereignis hat eine Krankheit losgetreten, die mir selbst noch einige Jahre lang danach absolut unbekannt war. Dysthymie.

 
Laut meiner Erfahrung gibt es nicht sehr umfangreiche Informationen dazu, gerade im deutschsprachigen Bereich. Ich persönlich mag die Darstellung auf dieser Seite recht gern, weil sie ausführlicher und zugleich verständlicher ist als ich sie sonst gefunden habe.
Nicht selten ist es so, dass eine Dysthymie schon sehr früh beginnt, aber erst viel später durch ein schwerwiegendes Ereignis ausgelöst wird, das nicht einmal mit der Ursache der Dysthymie zu tun hat/haben muss. Das schwerwiegende Ereignis habe ich oben geschildert. Die Erkrankung existierte bereits sehr lange. Aus heutiger Sicht (und es gibt noch sehr viele offene Fragen, auf die ich Antworten finden muss, in mir vergrabene Informationen, die therapeutische Ansätze zu blockieren scheinen) stimme ich der Erwähnung im verlinkten Text über Prägung im frühen Kindesalter zu. Dass die ersten Symptome zu der Zeit längst existierten, kann ich ebenfalls bestätigen. Ich hatte zu der Zeit allein schon eine Verhaltenstherapie hinter mir, die augenscheinlich andere Ursachen hatte, aber im Nachhinein stimmt das nicht. Es war nur nicht eindeutiger zu erkennen. Erst 2014 gab es den ersten Gedanken an die Dysthymie durch eine Ärztin, die mich bereits seit meiner Jugend begleitet hat, im Laufe der nächsten drei Jahre wurde sie mehrfach bestätigt. Und als würde eine solche Erkrankung nicht ausreichen, ist die vermutlich auffälligste Diagnose, die mich jeden Tag, rund um die Uhr begleitet, eine Angststörung.

 
An manchen Tagen habe ich das Gefühl, dass dieser eine Tag das gesamte Kartenhaus, das mein Leben darstellt, zum Einsturz gebracht hat. Dann weiß ich wieder, dass es natürlich nicht so ist. Und wäre es nicht das gewesen, hätte es irgendwann ein anderes Ereignis gegeben. Tatsächlich kaputtgegangen ist alles viel früher. Wann? Ich weiß es nicht. Ich habe auch nicht wirklich viele Erinnerungen an das Davor. Irgendwie ja, aber wann immer ich eine von ihnen greifen und ansehen möchte, ist da nicht viel. Ab und zu sind da unbestimmte Erinnerungen, die aber eher einem Gefühl gleichkommen. Was davon ist Tatsache und was verzerrte Erinnerung (womit ich nicht meine, dass meine subjektive Wahrnehmung verzerrt wäre, weil andere sie anders empfänden, sondern einfach aufgrund des Alters und des zeitlichen Abstandes)? Ich sage ja, es liegt vieles tief vergraben und mir fehlt der Zugriff darauf.

 
 

Anzeichen, Symptome etc.

Klar erkennbar ist ein großer Energieverlust, gepaart mit Antriebslosigkeit. Also Teile von Depressionen, wenn ich auch nicht zu denen zähle, die morgens nicht aufstehen können. Aber ich kann mich auch oft genug in anderen Situationen nicht aufraffen, es ist zu anstrengend. Genauso wie ich heute nicht weiß, was ich morgen tun kann. Was in langen Krankheitszeiten resultiert ist, die mittlerweile zu einer Erwerbsminderungsrente geführt haben (den ganzen Weg dazwischen mag ich gerade nicht ausführen, er war insgesamt recht kurz, denke ich, er hat nur ungefähr ein Jahr gedauert, was mich am meisten daran gestört hat, ist die bürokratische Pauschalisierung, aber gerade mit psychischen Erkrankungen ist das wohl etwas, was nicht sehr überraschend ist). Also, falls sich je jemand gefragt hat, warum ich zu den unterschiedlichsten Tageszeiten online anzutreffen bin, deswegen. Und sollte sich jemand fragen, wie ich mich mit der Rente fühle, gut. Seit ich nicht mehr zu sagen brauche, dass ich aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeite (= faul), sondern Rentner bin (= oh, der Mensch ist krank, wie schlimm ist das denn in noch so einem jungen Alter), fühlt es sich erträglicher an. Nicht, dass an meiner Krankheit irgendwas anders wäre, aber die Reaktion ist oft einfach anders. Sollte anders sein, meine Erfahrung ist im Großen aber nicht so (es gibt natürlich Ausnahmen).

 
Stimmungsschwankungen und Reizbarkeit kann ich ziemlich sicher nennen. Mehr Traurigkeit als Fröhlichkeit vermutlich auch. Ich schreibe das so vage, weil der Weg dorthin ein Prozess war und ich das dadurch viel weniger klar wahrnehme. War ich früher wirklich fröhlicher? Ich weiß es nicht mal. Es ist ja nicht so, dass ich den ganzen Tag heulend in der Ecke sitze. Und ich kann mich nicht erinnern, je ein übermäßig positiver Mensch gewesen zu sein. Eher Realist mit Hang zum Negativen. Aber es gibt sie die Kleinigkeiten, die mich zum Lachen bringen, oft sogar täglich. Kurze Augenblicke. Bin ich also wirklich so traurig?
Ja, mit Abstand muss ich das wohl schon sagen. Ich kann mich sehr intensiv freuen und wer das schon mal erlebt hat, die Sternchen und Herzchen in meinen Augen gesehen hat, der kann sich in etwa vorstellen, was ich meine. Aber die Auslöser dafür sind weniger geworden, würde ich sagen. Es gibt weniger Dinge, die diese Begeisterung in mir auslösen, das dürfte wohl die passendste Antwort sein.

 
Es gibt oben hinter dem Link eine Auflistung an Symptomen. Gerade von den ersten habe ich ja schon welche genannt und bis auf den Selbstwert kann ich eigentlich alle für mich als zutreffend einstufen. Wobei ich schon immer viel gegrübelt habe und viel für mich war. Aber da ist eben auch wieder die Frage, zählt das zu den Sachen, die es schon gab und nur nicht erkannt wurden? Was davon ist der introvertierte Anteil von mir?
Was den Selbstwert betrifft, ich habe mich nie endlos hoch eingestuft. Aber ich halte mich bis heute auch nicht für wertlos. Ich weiß, dass es vielen mit Depression und anderen psychischen Erkrankungen anders geht und ich bin froh, wenigstens diesen Teil nicht mit mir rumzuschleppen. Der Rest wiegt genug.

 
Auch die körperlichen Symptome treffen zuteilen zu. Nicht alle, was normal ist, denke ich. Was ich besonders interessant fand, ist der Punkt „Kreislauf/vegetatives Nervensystem“ und die dabei erwähnte Temperaturüberempfindlichkeit. Ich habe schon immer schneller gefroren als andere Menschen, habe schon immer zu eher niedrigem Blutdruck und daraus resultierenden kalten Händen und Füßen geneigt. Aber in den letzten ungefähr fünf Jahren ist das immer schlimmer geworden. Ich trage schon dicke Klamotten, da möchte der Großteil sich bestenfalls in einen Hoodie mummeln. Ich brauche ewig zum An- und Ausziehen, wenn ich rausgehe oder nach Haus komme und ich hasse es. Ich hasse diese Unmengen an Klamotten, die mich einengen, in denen ich mich weniger frei bewegen kann, die mir in den Öffentlichen zu warm sind, ich aber draußen trotzdem brauche. Aber immerhin habe ich hier zum ersten Mal eine Erklärung gefunden, warum es mir überhaupt so geht.

 
 

Ärzte, Therapeuten usw.

Für mich ein ganz schwieriges Thema.
Nicht nur, dass es in Deutschland, obwohl noch eines der bestversorgtesten Länder, was das Gesundheitssystem betrifft, Horror ist, sich überhaupt einen Therapieplatz zu suchen, mit endlosen Wartezeiten, Wartelisten usw. Hinzu kommen die eher negativen Erfahrungen, die hinter mir liegen.

 
Therapeuten
Die erste Therapie war okay, zeitlich überschaubar, das Leben danach gut.

Die zweite, bei derselben Therapeutin, ließ ich irgendwann auslaufen, weil ich das Gefühl hatte, sie weiß nichts weiter mit mir anzufangen. Ich glaube allerdings im Nachhinein auch, dass sie nach der ersten auf bestimmte Aspekte fokussiert war, ich gleichzeitig irgendwo dichtgemacht habe und es ein Wechselspiel war, dass der Eindruck bei mir zustande kam.

Die dritte und letzte endete ziemlich … heftig.
Ich bin jetzt fast ein Jahr auf mich allein gestellt, denn so lange ist es her, seit meine letzte Therapie ausgelaufen ist. Sie wurde nicht verlängert. Und endete nicht gerade nett, was auch dazu geführt hat, dass es mir bislang schwerfällt, überhaupt nach einem neuen Platz zu suchen. Einem tiefenpsychologischen Platz, die ohnehin weniger verbreitet sind als verhaltenstherapeutische. Es geht ja immer noch um die Ausgrabungen.
Eine Therapeutin, die den eigentlichen Ursprung meiner Erkrankung (zumindest sieht es sehr wahrscheinlich danach aus) selbst gar nicht entdeckt, wenn auch im letzten Jahr freigelegt hat. Obwohl sie einige Jahre Zeit dazu hatte. Entdeckt habe ich ihn dank der Hilfe eines Menschen, der sich mit der Thematik auskennt und weil ein paar Äußerungen hier und da sich für mich wie ein Puzzle zusammengesetzt haben (ich vermeide die direkte Nennung des Ursprungs ganz bewusst). Leider war besagte Therapeutin ab diesem Zeitpunkt auch für eine Zusammenarbeit ungeeignet. Nicht nur, dass sie mich bedrängte und unter Druck setzte, in einer Weise zu handeln, die sie selbst in der Situation gern gesehen hätte. Nein, unser letzter Kontakt, nach Ablauf des durch die Krankenkasse bewilligten Kontingents, nach der Ablehnung jeglicher Widersprüche durch die Krankenkasse und nachdem ich tagelang auf Reaktion meiner Therapeutin warten musste (und dabei rede ich nicht vom Wochenende), was nicht das erste Mal war, aber in diesem Augenblick besonders problematisch war, weil ich komplett ohne Halt in der Luft hing (bzw. mich so fühlte), fand telefonisch statt. Eigentlich war verabredet gewesen, dass ich trotz allem zu einem Abschiedsgespräch in die Praxis kommen würde. Der Weg dorthin bedeutete für mich jedes Mal eine Stunde Fahrt mit den Öffentlichen. Und nachdem sie sich tagelang nicht gemeldet hatte, ohnehin keine Chance auf zusätzliche, überbrückende Unterstützung bestand und ich zutiefst enttäuscht war (es kam eine Menge zusammen, das hier sind einzelne Auszüge), habe ich ihr schriftlich mitgeteilt, dass ich nicht kommen würde und ihr dies auch begründet. Die Reaktion war eine E-Mail und etwas später der besagte Anruf. In dem sie diverse narzisstische Muster abspulte, mich bat, mir die Entscheidung zu überlegen (mehr als einmal), mir sagte, dass sie mit Abschieden nicht gut umgehen könne und ich deswegen doch noch mal vorbeikommen solle, mir erzählte, wie viel Aufwand all die Anträge für sie doch seien und wie belastet sie gerade wäre – und endete in Tränen auf ihrer Seite.
Ich habe die Muster, emotionalen Druck auf mich auszuüben, in dem Augenblick sofort erkannt. Das bedeutet nicht, dass sie an mir abgeprallt sind. Im Gegenteil, sie sind der Grund, warum ich noch keinen Platz in Angriff genommen habe. Wer weiß, bei wem ich als nächstes lande. Ich baue ohnehin sehr schwer Vertrauen auf und nach diesem Telefonat wie auch den letzten Wochen in der Therapie fehlte mir ganz einfach die Fähigkeit, mich Therapeuten anzuvertrauen. So langsam legt sich das. Immerhin etwas. Dass ich Ende letzten Jahres zusätzlich in die tiefste depressive Phase meines bisherigen Lebens gerutscht bin, hat das Ganze dann auch nicht gerade positiv beeinflusst, zumal das auch locker ein halbes Jahr angehalten hat, bevor ich mich da Stück für Stück höher kämpfen konnte. Dass ich raus bin, würde ich nicht behaupten, denn im Grunde hängt man als dysthymer Mensch ständig in der Depression, nur nicht so tief, nicht ganz so antriebslos und nicht ganz so geschwächt wie in klassischen depressiven Phasen. Hinzu kam auch, dass ich sehr anfällig für die graue Jahreszeit bin. Das kam letztes Jahr ungünstig zusammen, hat mir dieses Jahr sicher beim Aufstieg geholfen und über alles Weitere denke ich nicht nach.

 
Ärzte
Fachärzte zu finden, ist ebenfalls ein „Spaß“ für sich. Nicht nur, dass es immer heißt „wir nehmen keine neuen Patienten an“, nein, es gibt ja nicht nur den Facharzt für Psychiatrie, er ist gekoppelt mit der Neurologie. Generell sicher nicht falsch, aber meiner Erfahrung nach spezialisieren die meisten sich auf Neurologie statt auf Psychiatrie.
Als ich 2011 in einer Praxis auftauchte, in der ich Jahre zuvor aufgrund einer neurologischen Untersuchung im Patientenstamm gelandet war und sie mich deswegen gar nicht abweisen konnten, war die erste Konsultation sehr distanziert. Ich hatte das Gefühl, abgefertigt zu werden. Leider war ich auf die Krankschrift angewiesen, da ich nicht in der Lage war, arbeiten zu gehen und angeblich dürfen Hausärzte das nicht langfristig machen. Ab dem zweiten Termin wurde es besser und während meiner zweiten Therapie war ich begleitend dort.
Als 2014 der Dysthymie-Verdacht auf den Tisch kam (ich hatte ungefähr ein Jahr Ruhe im Kopf gehabt, in dem Jahr eine Weiterbildung gemacht und im neuen Job auch kurzzeitig gearbeitet) und ich wieder in der Facharztpraxis aufgetaucht bin, ging das Spiel mit dem Abfertigen von vorn los. Woher meine Probleme denn dieses Mal kommen? Ich wusste es nicht. Wüsste ich es, bräuchte ich vermutlich keine ärztliche Hilfe. Die Reaktion? Na, wenn sie einfach aus heiterem Himmel aufgetaucht wären, dann würden sie ja vielleicht auch einfach wieder so verschwinden.
Resultat: Ich wollte weder einen Arzt noch einen Therapeuten suchen. Das habe ich ungefähr ein halbes Jahr gemacht, bis ich nicht mehr konnte und in meiner dritten Therapie gelandet bin.

 
Ebenso gibt es Ärzte, die plötzlich der Meinung sind, ich müsse ja nur wollen und ich würde mir ja nichts zutrauen. Und es könne ja nicht sein, dass ich jetzt schon berentet bin. Ob ich denn jetzt mein restliches Leben dem Staat auf der Tasche liegen wolle? Dass das ja reichlich unfair anderen Menschen gegebenüber sei, die arbeiten müssten. Und ich frage mich dann jedes Mal, was in diesen Köpfen eigentlich so falsch läuft. Ich weiß, dass es nicht einfach ist, eine Arztpraxis am Leben zu halten. Ich habe das jahrelang hautnah miterlebt, denn die Mutter von besagtem Ex-Freund hatte eine eigene hausärztliche internistische Praxis (Allgemeinmediziner und Internisten sind wohl diejenigen, die am schlimmsten dastehen hinsichtlich Budget und daraus resultierend auch Verdienst, vor allem, wenn sie für ihre Patienten da sein wollen, und wenn ich eines über meine Schwiegermutter – ich nenne sie bis heute so – sagen kann, dann, dass für sie die Patienten an oberster Stelle standen). Sie hatte die Praxis bis sie selbst aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste, alles aufgeben musste. Also ja, ich weiß auch, dass es kein Zuckerschlecken ist, niedergelassener Arzt zu sein, sein Personal zu bezahlen, sondern dass da sehr viel Arbeitszeit außerhalb der Sprechzeiten dranhängt. Gleichzeitig bin ich nach solchen Aussagen, wie ich sie zu hören bekommen habe, völlig überzeugt, dass diese Leute absolut keine Ahnung davon haben, wie es ist 24/7 Akkord zu arbeiten, denn nichts anderes tue ich. Nur um zu überleben. Ohne abschalten zu können. Immer darauf bedacht, die Angsttrigger in Schach zu halten, dabei gegen die depressive Niedergeschlagenheit anzukämpfen und eben irgendwie zu überleben. Ganz selten mal zu leben.
Solche Aussagen machen mich kaum noch traurig. Aber sie machen mich endlos wütend. Als hätte ich mir das alles ausgesucht. Niemand sucht sich das freiwillig aus. Niemand.

 
Aber das alles macht es so schwer, überhaupt noch wem zu vertrauen (hinsichtlich Ärzten und Therapeuten).

 
 

Leben, Zukunft …

Ich habe aufgehört über die Zukunft nachzudenken. Langfristig mache ich das schon sehr lange nicht mehr. Zukunftsplanung? Karriere. Screw all this! Mit so einer Krankheit (und auch wenn das nirgends wirklich so ausgesprochen wurde, gehe ich von einem chronischen Verlauf aus, weil es sehr lange unentdeckt geblieben ist), die einem ständig an den Hacken klebt, weißt du nie, wie viel Kraft du morgen haben wirst. Wie willst du da übers nächste Jahr nachdenken? Über in fünf Jahren? Oder in zehn?
Ich würde nicht behaupten, dass ich wirklich im Hier und Jetzt lebe, mich immer nur darauf konzentriere, was ich gerade fühle oder erlebe. Allein dafür muss ich zu viel nachdenken. Eher lasse ich die Dinge geschehen und schiebe eine Menge der negativen von mir. Was nicht heißt, dass ich ihnen allen ausweiche, dafür bin ich ein zu realitätsnaher Mensch und müsste mich selbst belügen können. Aber womit ich mich nicht auseinandersetzen muss, nehme ich oft nur kurz wahr und dann ist es wieder weg, bis es mir erneut über den Weg hoppelt.
Auf der bewussten Ebene versuche ich mich eher auf die positiveren Dinge zu konzentrieren, wobei ich eben nie ein positiver Mensch war und deswegen auch nicht sonderlich darin brilliere.
Im Grunde gleicht das alles überwiegend einem „Muss ich das da unbedingt machen? Nein? Gut, weg.“ und ebenfalls einem „Das, das und das muss ich nicht? Super, Zeit für das andere.“.
Das ist kein Konzept, das dauerhaft funktionieren wird, denke ich, aber ich hoffe, es hilft mir ein bisschen, meine Akkus ein wenig mehr zu füllen.

 
Manchmal erscheint es mir so unglaublich, dass ein einziger Tag der Anstoß für all das gewesen sein soll. Wie so ein kleiner Dominostein in einer riesigen Halle unzähliger weiterer aufgestellter Steine, die einer nach dem anderen kippen.
Wie gesagt, der Tag war im Grunde auch eher sowas wie ein Zufall, aber er ist da. Und er begleitet mich Jahr für Jahr.
Tag für Tag.
Es ist also alles ein verworrener Kreislauf, der gleichzeitig irgendwie ein Hamsterrad ist, mit mir als Hamster. Der Runde um Runde das Rad antreibt und nicht aufhören kann. Nicht zur Ruhe kommt.
Manchmal wünsche ich mir Urlaub. Urlaub von mir selbst. Und doch würde ich meinen Kopf, meine Psyche nie eintauschen. Denn das bin noch immer ich, das gehört zu mir.
Wenn nur …

 
Bis denne ☆

Wenn die Zweifel kommen

 
Zweifel kennt wohl jeder Autor. Oder eigentlich jeder Mensch, aber ich beschränke mich hier gerade mal auf Autoren.

 
Ich habe in letzter Zeit diverse meiner eigenen „Werke“ gelesen, alles Rohfassungen. Und nachdem ich im letzten Monat ein bisschen Kritik auf eine etwas bearbeitete Szene aus einem davon bekommen hatte, sind mir bestimmte Aspekte darin in allen Geschichten aufgefallen.
Das ist vermutlich erstmal nicht wirklich schlimm.
Was für mich das Problem ist und damit Zweifel, wie ich sie eigentlich nicht kenne, ausgelöst hat, ist, dass ich nicht weiß, wie ich das jemals anpassen soll.
Ja, ja, das kennt ja auch jeder Autor. Vielleicht.

 
Ich bin einzelne Szenen in Gedanken durchgegangen. Wie könnte ich hier auf etwas anderes umlenken (als Beispiel: ich neige dazu sehr viel über die Augen zu machen, sei es das Sehen selbst, aber auch das Zeigen von Reaktionen, alles läuft über die Augen und Blicke)? Was könnte ich alternativ da verwenden, vor allem, weil es eine andere Figur ist und nicht jede gleich reagieren sollte?
Und ich habe festgestellt, ich habe keine Ahnung. Für mich fühlt es sich in etwa so an, als versuchte ich damit etwas, das komplett außerhalb meiner Möglichkeiten liegt. Denn mir ist eines klar geworden: Was die bewusste Ebene betrifft, nehme ich genau das wahr und mehr nicht. Nach meiner momentanen Einschätzung komme ich aber nicht über das hinaus, was ich kenne, weil ich mir den Rest nicht mal vorstellen kann. Ich muss ja nicht alles davon selbst so erleben, aber ich sollte mir das zumindest vorstellen können. Und daran scheitere ich.

 
Und das, allein das, hat dazu geführt, dass ich mich frage, wie ich je Geschichten schreiben soll, die das erfüllen, was in eine Geschichte gehört (und nein, ich rede dabei nicht mal von Normen, aber alle Kritikpunkte, die mir in dem Zusammenhang aufgezeigt wurden, kann ich gut nachvollziehen, ich stimme ihnen zu).

 
Es ist nicht so, dass ich deswegen ununterbrochen grübele, weil ich weiß, dass das nicht weiterhilft. Aber es zu ignorieren, wird auch nicht zu einem zufriedenstellenden Ergebnis führen.

 
Es heißt immer, man kann alles lernen. Aber ich sitze hier und habe keine Ahnung, wie ich das je lernen soll. Und dabei spielt es auch keine Rolle, ob ich ja erstmal eine Rohfassung schreibe, die überarbeitet wird. Es geht nicht darum, die perfekte erste Version zu schreiben, an so etwas glaube ich nicht. Ich sitze hier ja gerade vor Rohfassungen und denke nur, ja, gut, ich weiß trotzdem nicht, wie ich das so anpassen soll, damit es rund klingt. Dabei spreche ich auch noch nicht von Perfektion. Sondern einfach nur von gut.

 
Wie geht ihr mit solchen Zweifeln um?
Habt ihr Dinge erlernt, die ihr für unmöglich gehalten habt?
Wenn ja, wie habt ihr das geschafft?

 
Bis denne ☆