Figurensteckbriefe – Pressen in Vorgaben oder hilfreiches Tool?

Sucht man im Internet nach Figurensteckbriefen[1], findet man unzählige Vorlagen. Egal, ob wenige Punkte oder zutiefst detaillierte Listen, was auch immer man braucht, di_er Autor_in wird fündig.[2]
Es gibt Befürworter_innen und Gegner_innen. „Ich will plastische Figuren erschaffen, die sich organisch entwickeln“, ist eine häufige Aussage derer, die von erwähnten Figurensteckbriefen nicht allzu begeistert sind. Und ganz unberechtigt ist dieser Einwurf auch nicht.

Wenn man einen solchen Steckbrief einfach nur von oben nach unten ausfüllt und überall irgendetwas einträgt, damit keine Lücken bleiben, kann dabei eine Figur entstehen, die nicht sehr glaubwürdig ist. Schnell gibt es Widersprüche, weil unbedingt Wunden existieren müssen, die aus der Vergangenheit der Figur resultieren, doch sie passen überhaupt nicht zum jetzigen Verhalten der Figur. Oft liegt es daran, dass man zu Beginn der Geschichte seine Figur noch nicht gut genug kennt und sie daher auch noch gar nicht vollständig im Figurensteckbrief notieren kann.

Dem kann man aber entgehen. Ich nutze solche Figurensteckbriefe beispielsweise seit Jahren sehr gern. Niemand sagt, dass man stur ausfüllen muss und dann nichts mehr ändern darf. Im Gegenteil. Die Option, die Eintragungen anzupassen, ist sogar wichtig. Zumindest dann, wenn man zu Beginn den Figurensteckbrief gleich vollständig ausfüllt.
Meine Herangehensweise ist etwas anders.
Ich fange damit auch recht früh im Plotprozess an, doch ich trage nur ein, was ich bereits über meine Figur weiß. Oft sind das überwiegend äußerliche Aspekte, aber vielleicht auch schon eine Angst, die die Figur in sich trägt und auch ein Ziel. Im Laufe meines sehr umfangreichen Plotprozesses ergänze ich dann den Steckbrief und vermerke dadurch Details, die mir sonst vielleicht entfallen würden. Für mich ist dieser Figurensteckbrief also eher eine Gedankenstütze zu meiner Figur/ den wichtigsten Figuren. Diejenigen, die nicht viel Zeit auf die Planung verwenden, sondern lieber entdeckend schreiben, können den Figurensteckbrief auf dieselbe Weise nutzen, indem sie sich während des Schreibens Informationen über ihre Figuren in den Figurensteckbriefen vermerken oder auch im Anschluss beim ersten Lesedurchgang. Sind die Informationen gebündelt, fallen einem Ungereimtheiten auch viel besser auf, was m. E. ein weiterer Vorteil dieser Steckbriefe ist.

Wie seht ihr das?
Nutzt ihr Figurensteckbriefe?
Oder findet ihr sie überflüssig?

Bis denne ☆

 
[1] Gängig hierfür ist eigentlich der Begriff „Charakterbogen“. Da ich aber zwischen Figuren und dem Charakter dieser Figuren unterscheide, möchte ich „Charakterbogen“ nicht verwenden und habe mich für „Figurensteckbrief“ entschieden.

[2] Figurensteckbriefbeispiel auf buch-atelier

Die Dreifelderwirtschaft des Schreibens

Heute setze ich mal wieder einen meiner alten Schreibmeer-Artikel hier hin. Ich habe dieses System vor vielen Jahren das erste Mal getestet, zwischendurch wieder aufgegriffen und auch derzeit nutze ich es. Wenn also der Artikel bereits etwas älter ist, so ist er für mich zugleich noch immer aktuell.

 
Fast jeder Autor steht irgendwann vor der Qual der Wahl, welches Projekt er denn in Angriff nehmen könnte. Manche haben eine neue Idee, die reizvoll, aber eigentlich noch nicht ausgereift genug ist. Dafür liegt eine ältere ja schon länger und müsste nur noch überarbeitet werden, das ist aber nicht so spannend. Andere fühlen sich heute zu diesem Projekt hingezogen, morgen aber zu jenem und finden bei keinem so richtig zu einem Ende.
Doch warum sollte man sich überhaupt entscheiden? Weil es hilft, kontinuierlich zu arbeiten. Das bedeutet dennoch nicht, sich wochen- oder monatelang mit nur einem Projekt zu beschäftigen und darum soll es heute gehen.

 
Ich werde mich dafür nur auf Romane beziehen, denke aber, dass sich die Grundidee auch auf andere Gattungen umlegen lässt. Und mir ist ebenfalls bewusst, dass sich das System nicht unbedingt sofort umsetzen lässt, sondern teilweise etwas Vorlaufzeit benötigt, aber wenn es erstmal eingerichtet ist, kann es gut funktionieren. Dazu sei gesagt, dass ich jemand bin, der ausführlich plottet und dementsprechend auch viel Zeit in diesen Arbeitsschritt investiert. Die Zeiträume schwanken natürlich individuell. Jeder muss für sich probieren, was genau funktioniert, aber dies kann eine Anregung sein, Abwechslung in den eigenen Alltag zu bringen und trotzdem Projekte zum Abschluss führen zu können.

 
Der Anfang ist noch schlicht.
Es reicht, mit einem Projekt zu starten und beispielsweise dessen Plot aufzubauen. Bei jemandem wie mir, lässt sich dafür locker dieselbe Zeit veranschlagen wie für das Schreiben des ersten Entwurfs. Andere benötigen hier weniger Zeit, aber gerade am Anfang ist das erstmal egal.

 
Wie geht es weiter?
Anstatt sich jetzt nur auf die Rohfassung zu konzentrieren, kommt ein weiteres Projekt hinzu. Dadurch kommt auch keine Langeweile auf, die für Manche ein einzelnes Projekt mit sich bringt. Bei mir sah das so aus, dass ich anfangs morgens eine Geschichte geplottet habe. Danach stand eine Pause an, in der ich den Kopf frei von Buchideen gemacht habe, bevor ich mich an den ersten Entwurf des Projekts aus dem ersten Schritt gesetzt habe. Nach nur wenigen Wochen gehörte das so zu meinem Alltag, dass ich das Dokument des Plotprojektes geschlossen und sofort die Rohfassung des Schreibprojektes geöffnet habe. Ich brauchte keine Pause mehr, mein Kopf war in der Lage, sofort umzuschalten. Das empfiehlt sich jedoch nicht unbedingt, wenn man in längeren Etappen arbeitet, das war bei mir zu der Zeit aber nicht der Fall. Wer nicht nur Zeit in kurze Einheiten investiert, sollte unbedingt zwischen den Projekten pausieren, sich bewegen und am besten aus dem Fenster schauen, um den Augen Entlastung zu bieten.

 
Und dann?
Genau so kann auch das Überarbeiten integriert werden: als dritter Schritt. Selbstverständlich muss man nicht alle Projekte nacheinander abarbeiten. Je nach Zeit im Alltag erledigt man das eine vielleicht morgens vor dem Job oder der Uni, das andere in der Mittagspause (die aber eigentlich zum Abschalten da ist) und das letzte am Abend. Auch hier muss jeder seinen individuell passenden Weg finden. Ausprobieren hilft ungemein.

 
Auf diese Weise lassen sich bis zu vier Buchprojekte unterbringen. Vier? Möglicherweise. Denn es empfiehlt sich für Viele durchaus, ein Projekt nach dem Schreiben des ersten Entwurfs eine Weile ruhen zu lassen. Für wen das nicht funktioniert, der setzt eben sofort mit der Überarbeitung an. Es kommt kein Projekt mehr zu kurz, sie finden ein Ende und wenn man die Arbeitszeiten dokumentiert, wird man nicht nur in den Projekten Fortschritte sehen.

 
Nun ist mir bewusst, dass nicht jedem kurze Arbeitseinheiten an den Projekten liegen oder nicht jeder die Zeit aufbringen kann, an drei Buchprojekten täglich zu arbeiten, weil eben nur fünfzehn oder dreißig Minuten zur Verfügung stehen. Alternativ kann ich mir vorstellen, dass es auch funktioniert, am ersten Tag am neuen Plot zu arbeiten, am zweiten an der Rohfassung und an Tag 3 die Überarbeitung in Angriff zu nehmen. Auch hier gilt wieder, seine Umstände zu analysieren und auszuprobieren. Für mich funktioniert das System sehr gut, auch wenn ich gestehen muss, dass ich es vor einiger Zeit wieder einkürzen musste und nur bis zu zwei parallelen Stufen gekommen bin. Ich zweifele nicht daran, dass ich auch die dritte meistere, sobald meine Umstände es zulassen. Versucht es und gebt euch ein bisschen Zeit, das System greifen zu lassen.

 
Wie arbeitet ihr?
An mehreren Projekten gleichzeitig oder immer nur an einem?
Wollt ihr das System mal ausprobieren?

 
Bis denne ☆